Fit für die Zukunft?! Zur Diskussion um Bachelorstudiengänge

von Prof. Dr. Thomas Jansen, Fachhochschule Münster
(Lehrstuhl für Internationales Personal- und Bildungsmanagement)

Angesichts der heftigen Diskussion über die Bachelorstudiengänge, wie sie in jüngster Zeit in vielen deutschen Medien geführt wurde, kann man sich als Personaler vielleicht schon fragen, ob Bewerber mit diesem Abschluss eigentlich für die Praxis tauglich sind. Dieser Beitrag möchte ein wenig Aufklärungsarbeit leisten.

Kritik an den Bachelorstudiengängen

In den letzten Wochen und Monaten war in deutschen Medien aller Art reichlich heftige Kritik am Bachelor-/Master-System zu hören und zu lesen. Von Seiten von Studierenden wie auch z. B. durch den ehemaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker wird die ‚Verschulung‘ des Studiums kritisiert (www.unikosmos.de), es werden Belege für die steigende Belastung von Studierenden gesammelt (lesenswert dazu: www.gew.de/Binaries/Binary52190/090903_Bologna-Endfassung_final-WEB.pdf)  , in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht eine Redakteurin vom ‚Akademischen Rohrkrepierer‘ (www.faz.net). Teilweise begegnet man solchen Argumentationslinien dann auch im Dialog mit Studierenden an der eigenen Hochschule – die es eigentlich besser wissen müssten. Man muss sich schon ein wenig Sorgen darum machen, wie solche Diskussionen auf die Personalabteilungen mittelständischer Unternehmen wirken – deshalb gibt es diesen Beitrag.

Basis Bologna-Prozess

Der Reform vieler Studiengänge liegt der Bologna-Prozess (www.hrk-bologna.de/bologna/de/home/3529.php) zu Grunde. 1999 unterzeichneten die meisten europäischen Bildungsminister in Bologna eine Erklärung, in der früher schon begonnene Bestrebungen zur Erhöhung der internationalen Mobilität von Studierenden und Absolventen konkretisiert wurden. Vorgaben sind unter anderem:

  • Einführung eines im wesentlichen gleichförmigen Abschlusssystems (berufsqualifizierender Bachelor nach in der Regel sechs, daran anschließender mehr oder weniger wissenschaftsorientierter Master nach in der Regel weiteren vier Semestern) bis zum Jahr 2010
  • Anerkennung von Leistungen, die im Ausland erbracht wurden, auf der Basis eines Leistungspunktesystems (ECTS - European Credit Transfer System)
  • Erhöhung der Transparenz bezüglich der in einem Studiengang erworbenen Kompetenzen durch Dokumentation in einem so genannten Diploma Supplement

Die Vorzüge dieser Ideen liegen eigentlich auf der Hand: Heutige Arbeitsbedingungen und –anforderungen erfordern zunehmend die Fähigkeit, sich in anderen Sprachen und Kulturen zu orientieren und verständigen zu können – und wie könnte man diese besser erwerben als im Rahmen eines zielgerichteten Auslandsaufenthaltes. Das ECTS kann nun dafür sorgen, dass Leistungen, die Studierende im Ausland erbringen, recht zuverlässig im Inland angerechnet werden – oder umgekehrt. So bedeutet ein Auslandssemester eine Bereicherung, ohne zugleich eine Verlängerung der Studienzeit zu bewirken. Das so genannte Diploma Supplement ist vor allem aus Personalersicht vorteilhaft, weil es die Möglichkeit bietet, sich über die tatsächlich in einem Studiengang erworbenen Fähigkeiten zu informieren – insofern kann es die Auswahl erleichtern und optimieren helfen.

Umsetzungsprobleme in Deutschland


Die heute öffentlich diskutierten Probleme sind teilweise darauf zurückzuführen, dass mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse noch weitere Reformansätze verbunden wurden. So wurde ein Verfahren eingeführt, bei dem Studiengänge durch unabhängige Agenturen überprüft und eventuell akkreditiert werden. Dabei spielen zahlreiche für die Qualitätssicherung wesentliche Kriterien eine Rolle.

Unter anderem ist festgelegt, dass Studierende pro Semester 30 ECTS-Leistungspunkte erworben werden müssen, wobei jedem Leistungspunkt ein bestimmter Arbeitsumfang (workload) entspricht. Dabei herrscht die Annahme, dass Studierende sich voll dem Studium widmen (was sie natürlich auch sollen) und nicht nebenbei erwerbstätig sind oder sich z. B. in größerem Umfang sozial engagieren. Diese Annahme entspricht sicherlich nur eingeschränkt der Realität. Andererseits stellt sich angesichts der Proteste bzw. der Klagen über die schlimmen Belastungen sicherlich die Frage, warum Studierende – die tendenziell auf deutlich höhere zukünftige Einkommen abzielen als nicht studierende Angehörige des gleichen Jahrgangs – in dieser Lebensphase so sehr viel besser gestellt werden sollten als zum Beispiel Gleichaltrige, die neben einer Vollerwerbstätigkeit noch eine berufliche Weiterbildung (etwa Personalfachkaufmann/-frau) absolvieren oder sich sozial engagieren möchten.


Ein spezifisches Umsetzungsproblem in Deutschland betrifft sicherlich die Bedingungen, unter denen die Hochschulreform stattfindet. Aus Sicht der Politik sollte durch den in der Regel in sechs Semestern zu erwerbenden Bachelor als berufsqualifizierenden Abschluss sicherlich auch gespart werden. Wer schon in sechs Semestern einen Abschluss erwirbt, belastet den öffentlichen Haushalt eben kürzere Zeit. Manche Universitäten haben bei der Umsetzung aber, um die bisherigen Angebote zu ‚konservieren‘, tatsächlich ungeeignete Verdichtungs-Maßnahmen ergriffen. Dies führt dann in der Praxis mancherorts zu eher längeren Studienzeiten und höheren Abbrecherquoten.


Die gewünschten Einsparungen werden übrigens kaum erzielt, wenn sich eine Tendenz bestätigt, wonach Studierende in großer Zahl Masterabschlüsse anstreben. Es ist dann relativ leicht zu behaupten, der Bachelorabschluss sei nicht ausreichend oder schlecht angesehen. Tatsächlich könnte hinter dem Anstreben eines Masterabschlusses aber Motive wie ein höheres erzielbares Einkommen oder aber auch der längere Verbleib im letztlich vielleicht doch nicht so unangenehmen Studierendenstatus stehen. Die Hochschulen sind aus meiner Sicht hier gefordert, ihre Masterstudiengänge so einzurichten, dass wirklich nur ein Teil der Studierenden – die leistungsstärksten und wissenschaftlich Befähigten – in Masterstudiengänge aufgenommen wird.

Moderne Bachelorabschlüsse


Der Bachelor soll – so der Grundgedanke – ein moderner, berufsqualifizierender Hochschulabschluss sein. An der Fachhochschule, an der ich im Rahmen des Betriebswirtschaftsstudiums Personalwirtschaft lehre, wurde dies - etwas Eigenwerbung sei gestattet – auch exemplarisch umgesetzt. Unsere Bachelor-Studiengänge (https://www.fh-muenster.de/wirtschaft/studieninteressierte/studiengaenge.php) sind Konzeptionen, bei denen beispielsweise die in vielen Studiengängen viel zu lange vernachlässigten Sozial- und Methodenkompetenzen systematisch gefördert werden. Die Inhalte des früher siebensemestrigen Diplomstudiums wurden nicht ‚verdichtet‘, sondern im Zuge der Modularisierung des Studiums werden den Studierenden schon im zweiten Studienjahr Wahlmöglichkeiten eingeräumt.

Vor diesem Hintergrund trifft die eingangs zitierte Kritik an der ‚Verschulung‘ auf einen gut konstruierten Bachelorstudiengang eigentlich gerade nicht zu, eine individuelle Gestaltung und eine sinnvolle Spezialisierung im Hinblick auf bestimmte Tätigkeitsfelder sind durchaus möglich.

In der Lehrtätigkeit erlebe ich auch, dass wir uns um effektives und effizientes Studieren bemühen, durch innovative Veranstaltungen zur Vermittlung berufsrelevanter Kompetenzen, durch Optimierung der Lehrmethodik und durch institutionalisierte Beratung von Studierenden (insbesondere natürlich derer, die aus unterschiedlichen Gründen nicht die eigentlich angestrebte Zahl von ECTS-Leistungspunkten erreichen). Diese Maßnahmen sind sicherlich wesentlich aufwändiger als z. B. das mancherorts praktizierte, eher ‚stumpfe‘ Einführen einer Anwesenheitspflicht, jedoch führen sie aus meiner persönlichen Sicht durchaus zu den gewünschten Wirkungen.

Diese Ausführungen sind natürlich nicht zu verallgemeinern. An Personaler kann man dementsprechend eigentlich nur die Aufforderung richten, Bachelorabschlüssen gegenüber nicht grundsätzlich negativ eingestellt zu sein, sondern jeweils genau hinzuschauen, um welchen Bachelorabschluss von welcher Institution es sich jeweils handelt. Die größere Transparenz, die im Rahmen des Bologna-Prozesses angestrebt wird, kann hier sehr nützlich sein. Bei differenzierter Betrachtung können Sie dann möglicherweise auch zu dem Schluss kommen, dass moderne Bachelorabschlüsse sehr praxistauglich und den früheren Diplomabschlüssen sogar in mancher Hinsicht überlegen sind.

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