Managementqualität – ein ebenso aktuelles wie zeitloses Thema

von Prof. Dr. Thomas Jansen, Fachhochschule Münster
(Lehrstuhl für Internationales Personal- und Bildungsmanagement
)

Die Finanzmarktkrise wirft nicht nur ein Schlaglicht, sondern ein ganzes Blitzlichtgewitter auf die Qualität des Managements in der Finanzdienstleistungsbranche. Der in der gegenwärtigen Situation gelegentlich laut werdende Ruf nach ‚externer Kontrolle‘ des Managements führt dabei zu einem falschen Ansatz. Stattdessen sollten Unternehmen – keineswegs nur im Finanzbereich – die Idee aufgreifen, Managementqualität systematisch zu messen, zu kontrollieren und zu optimieren. Daraus kann eine anspruchsvolle und hochwertige Aufgabe für den Personalbereich entstehen.

In den vergangenen Wochen konnte man sich der Präsenz des Themas in unseren Medien kaum noch entziehen: Die globale Krise der Finanzmärkte und zahlreicher Finanzunternehmen betrifft mehr oder weniger jeden.

Die Bereitschaft der Politik, mit zwölfstelligen Beträgen auf Kosten der Steuerzahler (oder ihrer Kinder und Enkel) krisengeschüttelten Finanzdienstleistungsunternehmen zur Seite zu stehen, führt in der öffentlichen Diskussion auch zu der verständlichen Frage, wie es dazu kommen konnte, dass wider allen gesunden Menschenverstand derart abstruse Risiken eingegangen wurden und solch gigantische Beträge scheinbar gedankenlos „verzockt“ worden sind.

Es ist zu hoffen, dass die von der Bundesregierung derzeit avisierten fast 500 Mrd. € zur ‚Rettung‘ des Bankensystems ein praktisch nicht in Anspruch zu nehmender Wert sind. Es mag auch sein, dass der tatsächlich eintretende Mittelbedarf vor allem daher rühren wird, dass einige politisch Verantwortliche die Finanzmarktkrise als Chance begreifen, um sozusagen „undercover“ marode Landesbanken zu sanieren.

Gerade in diesem Fall drängt sich allerdings mit besonderer Intensität die Frage nach der Qualität des Managements auf. Betrachtet man etwa die Image-Umfrage des manager magazin von Anfang 2008, so erreicht z. B. die West LB beim Faktor ‚Management-Qualität‘ dort unter 152 genannten Unternehmen Platz 152. (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/imageprofile/0,2828,529787,00.html)

Die Diskussion betrifft jedoch nicht nur den Finanzbereich. Fragestellungen, die wir aus der Diskussion der letzten Jahre im Wesentlichen unter dem ‚Neidaspekt‘ kennen, werden  erneut, nun mit größerer Schärfe und vielleicht auch mehr Berechtigung gestellt: Wie sieht es mit der Qualität des Managements im Lande aus? Rechtfertigt die Qualität des Managements die Vergütungen, die den Aufgabenträgern gewährt werden? Wie lässt sich überhaupt Managementqualität messen, wenn man eine objektivierte Grundlage schaffen will?

Managementqualität im Blickpunkt: Krise als Chance?

Vielleicht liegt in der Krise hier auch die Chance, ein lange vernachlässigtes Thema mit neuem Schwung und erhöhtem Aufwand anzugehen. Die pragmatisch orientierte, vor allem US-amerikanische Betriebswirtschaftslehre hat hier in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ansätze geliefert. Diese sind in unterschiedlichen, teilweise jeweils modischen Verkleidungen erschienen, laufen aber auf einen gemeinsamen Kern hinaus:

  • Schon im 1982 erschienenen Bestseller ‚In Search of Excellence‘ untersuchten T. J. Peters und R. H. Waterman die Faktoren, die zu hervorragenden Leistungen eines Unternehmens führen.
  • Nach 2000 wollten Joyce, Nohria und Robertson den Zusammenhang der Anwendung von bestimmten Management-Methoden mit dem finanziellen Unternehmenserfolg (gemessen an der kombinierten Kurs- und Dividendenrendite der Anteilseigner) untersuchen. Das Ergebnis der Studie war jedoch, dass bei den betrachteten Unternehmen nicht etwa die Anwendung einer spezifischen Managementmethode (oder gar –mode) zum Erfolg führte, sondern gute Arbeit in den ‚klassischen‘ Managementdisziplinen Strategieformulierung, Umsetzung, Unternehmenskultur und Strukturgestaltung, zusätzlich in den Bereichen Talentmanagement, Mitarbeiterführung, Innovation und Partnerschaften/Fusionen.
  • Auch die umfangreiche Forschung von Collins zeigte vor einigen Jahren, dass die Suche nach den Faktoren, die den Erfolg der so genannten ‚Take-Off-Unternehmen‘ erklären, letzten Endes zu den Umsetzungsfähigkeiten und zum disziplinierten Denken und Handeln des Managements und der Mitarbeiter führt.

In der Summe weisen all diese Ergebnisse doch darauf hin, dass der Erfolg von Unternehmen in erster Linie auf die personenbezogene Qualität von Management und auf die Führungsfähigkeiten zurückzuführen ist. Diese wiederum sind typischerweise nicht zufällig vorhanden, sondern ein Produkt guten Personalmanagements. Deshalb möchte ich hier die These vertreten, dass ein Personalbereich, der sich als Partner der Unternehmensleitung versteht, die Frage nach der Messung von Managementqualität im Unternehmen forcieren sollte – auch wenn man sich damit vielleicht kurzfristig sogar unbeliebt macht.

Schon im systematischen Nachdenken über die Messung von Managementqualität kann ein erheblicher Zugewinn für alle Beteiligten stecken. Die Beantwortung der Fragen,

  1. welche Messgrößen hier zur Anwendung kommen sollen, und
  2. in welchen Prozessen bzw. mit welchen Methoden die entsprechenden Daten erhoben werden können,

liefert in der Regel wichtige Erkenntnisse für die beteiligten Personen. Die Diskussion der Frage nach der Messung von Managementqualität kann auch zu einem wesentlich besseren Verständnis der Unternehmenskultur und zu einem breiteren und solideren Konsens bei den Mitwirkenden führen. Ähnliche Effekte werden häufig in Unternehmen beobachtet, die sich z. B. mit der Einführung einer Balanced Scorecard beschäftigen, mit der die Umsetzung einer Unternehmensstrategie gesteuert und kontrolliert werden soll.

Die systematische Anwendung von Instrumenten zur Messung von Managementqualität führt in der Folge mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Weiterentwicklung der einzelnen Manager wie auch der des Unternehmens als Ganzes. Regelmäßige Audits zur Überprüfung der Managementqualität können zu ständiger Verbesserung in diesem zentralen Bereich führen.

Die Frage nach den richtigen Messgrößen

Welche Messgrößen sollen nun in der Praxis bei der Messung von Managementqualität zum Einsatz kommen? Letztlich kann es hier kein allgemeingültiges Rezept geben, da der Schlüssel zum Erfolg ähnlich wie bei einer Balanced Scorecard in der individuellen Erarbeitung im Unternehmen unter Berücksichtigung der jeweiligen Rahmenbedingungen, liegt.

Messgrößen bei der Ermittlung von Managementqualität in Unternehmen sollten sich jedoch zumindest auf folgende Bereiche beziehen:

  • Ziel- und Strategieformulierung
  • Konsequenz und Disziplin der Umsetzung
  • Umgang mit Risiken (Umfang, Priorität, methodisches Niveau, systematische und stringente Anwendung von Risikomanagement-Prozessen)
  • Struktur- und Kulturentwicklung
  • Mitarbeiterführung
  • Potenzialentwicklung (eigene Weiterbildung, Förderung der Mitarbeiter, Innovations- und Veränderungsfähigkeit)

Insbesondere im Bereich Mitarbeiterführung, der durch systematisches Einbeziehen von Personalmanagement-Instrumenten wie Mitarbeiterbefragung und Führungskräfte-Beurteilung sinnvoll gefüllt werden kann, gibt es noch viel zu tun. Zwischen dem, was sich Mitarbeiter nicht (nur) im Hinblick auf ihre Zufriedenheit, sondern gerade zur Optimierung ihrer Leistung wünschen, und dem, was in der Praxis realisiert ist, bestehen weiterhin vielerorts große Lücken. (siehe eine ausführliche aktuelle Studie unter http://www.krauthammer.de/Docs/Content/File/KO/krauthammer-observatory-2008-full-report.pdf)

In der Messung von Managementqualität steckt, das sollte hier aufgezeigt werden, ein enormes Potenzial für Unternehmen. Um dieses zu erschließen, müssen Unternehmen jedoch bereit sein, nicht nur einen gewissen Aufwand zu tragen, sondern auch die Konflikte, die bei der Einführung des Konzepts mit einiger Wahrscheinlichkeit entstehen werden, sowohl auszuhalten als auch aufzulösen. Lohnen wird sich das fast immer, jedoch ist noch Überzeugungsarbeit nötig.

Abschließend ein Beispiel: In einer herausragenden Abschlussarbeit an der Fachhochschule Münster hat sich in diesem Jahr ein Absolvent (als großer Fussballfan) mit der Frage beschäftigt, woran man die Managementqualität bei Profifußballclubs messen kann. Diese sind ja zunehmend als Wirtschaftsunternehmen anzusehen, müssen aber zusätzlich auch eine sportliche Zieldimension beachten. Seine Umfrage zur Relevanz seiner Vorschläge für Messgrößen stieß auf eine im Vorfeld kaum zu erwartende große und gute Resonanz bei den Profiklubs. Allerdings war leider vorläufig noch kein Verein bereit, das – durchaus positiv bewertete – Konzept auch auszuprobieren.

Dabei kann man doch auch im Sportteil unserer Medien immer wieder etwas über Finanzkrisen lesen…