Projekte mit Studierenden

von Prof. Dr. Thomas Jansen, Fachhochschule Münster
(Lehrstuhl für Internationales Personal- und Bildungsmanagement)

In dem folgenden Beitrag werden die Vorteile diskutiert, die sich für Unternehmen und speziell Personalabteilungen im Mittelstand aus der Zusammenarbeit mit Studierenden ergeben, die in Form von Projekten oder von Abschlussarbeiten an und mit Hochschulen realisiert werden können.

Bedeutung der Zusammenarbeit mit Hochschulen
In Deutschland gibt es aktuell fast 2,4 Millionen Studierende. (http://tinyurl.com/bt6njg8 -> Destatis.de). Viele von ihnen studieren in praxisorientierten Studiengängen, in denen Praktika verpflichtend absolviert werden müssen. Zusätzlich suchen viele Studierende intensiv nach Möglichkeiten, freiwillige Praktika oder Praxissemester in Unternehmen durchzuführen. Auch im Mittelstand nutzen viele Unternehmen diese Möglichkeiten schon seit längerer Zeit.

Darüber hinaus existiert für Unternehmen aber auch die Möglichkeit, an Hochschulen Praxisprojekte anzubieten, die in vielen Fällen im Rahmen von Lehrveranstaltungen, möglicherweise auch in Zusammenarbeit mit studentischen Initiativen (www.aiesec.org/germany, www.kreaktiv-muenster.de) durchgeführt werden. Weiterhin werden in Bachelor- und Masterstudiengängen Abschlussarbeiten verlangt, die in anwendungsorientierten Fächern häufig in Zusammenarbeit mit Unternehmen erstellt werden sollen oder können. Bei Projekten arbeiten dabei typischerweise Teams von Studierenden, Abschlussarbeiten sind zumeist Einzelleistungen, auch wenn die Prüfungsordnungen in vielen Fällen Kooperationsarbeiten ermöglichen.

Unmittelbare Vorteile der Zusammenarbeit
Für ein Unternehmen bzw. speziell für eine Personalabteilung ergeben sich eine Reihe von Vorzügen aus der Einbindung von Studierenden:

  • Für die Dauer des Projekts bzw. bei Einbindung von Studierenden im Rahmen einer Abschlussarbeit erhält das Unternehmen zusätzliche Kapazität, ohne die bestimmte Aufgaben möglicherweise gar nicht angegangen werden könnten.
  • Für die Studierenden ist die Aufgabe keine Routine, sie gehen die Fragestellung mit einer typischerweise sehr hohen Motivation an. Als zusätzlicher Faktor ist sicherlich die Bewertung der Projekt- oder Arbeitsleistungen durch die Betreuer an der Hochschule anzusehen.
  • Die Studierenden arbeiten nach wissenschaftlichen Standards, d.h. sie wenden Methoden an, die den Ansprüchen moderner Wissenschaftstheorie genügen und insofern zu objektivierten und gültigen Ergebnisse führen. Voraussetzung ist hier wieder eine effektive Projektüberwachung und -steuerung durch die Hochschule bzw. die jeweiligen Betreuer.
  • Die Studierenden sind Externe, also sehen sie die Fragestellungen im Unternehmen aus einer unvoreingenommenen, "frischen" Sicht. Dies schließt die Risiken von "Betriebsblindheit" oder "groupthink" aus, die immer bestehen, wenn ein Unternehmen oder eine Abteilung z.B. in organisatorischen Fragen eine Problemlösung aus eigener Kraft versucht. (www.derwesten.de/wp/fernuni-projekt-guter-rat-ist-kostenlos-id4923165.html) Vorteile können sich auch ergeben, wenn die Anonymität für ein Projekt eine bedeutende Rolle spielt. Dies ist im Personalbereich etwa bei Mitarbeiterbefragungen häufig der Fall.
  • Die Studierenden sind unabhängig, d.h. sie sind nicht in die Hierarchie des Unter-nehmens eingebunden und gehören auch nicht zu informellen Netzwerken. Insofern können sie in der Regel z.B. auch "unangenehme Botschaften" überbringen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Dies kann nach Erfahrung des Autors  z.B. im Personalbereich bei der Evaluation von Weiterbildungsmaßnahmen, ganzen  Personalentwicklungsprojekten oder auch beim Test von bestimmten Produkten eine Rolle spielen.

Vorteile für das Personalmarketing
Die Zusammenarbeit mit Studierenden in Form von Projekten oder Abschlussarbeiten kann auch bedeutende Vorteile im Hinblick auf die Gewinnung von Fach- und Führungskräften erzeugen. Je deutlicher sich der Mangel an qualifizierten Bewerbern in einer Branche, einer Region oder einem bestimmten Qualifikationsbereich zeigt, desto bedeutsamer werden die folgenden Argumente:

  • Studierende lernen durch Aufenthalte im Unternehmen oder in Zusammenarbeit erstellte Abschluss¬arbeiten das auftraggebende  Unternehmen, seine Produkte, die Technologien, seine Organisation, die Unternehmenskultur und einzelne Mitarbeiter relativ genau kennen.
  • Die teilnehmenden Studierenden erwerben nicht nur für sich selbst Informationen, sondern können als Multiplikatoren fungieren. Informationen, die auf diesem Weg weitergegeben werden, erscheinen für andere Studierende typischerweise sowohl als besonders relevant, sondern auch als besonders glaubwürdig.
  • Das Unternehmen hat die Möglichkeit, etwa durch interessante Aufgabenstellungen, durch die Gestaltung der Zusammenarbeit und durch Feedback weiteres Interesse zu wecken und Bindung zu erzeugen.
  • Das Unternehmen kann potenzielle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei der Arbeit beobachten bzw. zumindest die Ergebnisse der Arbeit begutachten und so wesentliche Informationen zur Selektion von geeigneten Bewerbern oder Potenzialkandidaten gewinnen.
  • Durch das Angebot von Projekten oder Abschlussarbeiten verbessert das Unternehmen seinen Bekanntheitsgrad an Hochschulen und kann bei geeigneter Gestaltung auch sein Arbeitgeberimage positiv beeinflussen.
  • Handelt es sich um Projekte, deren Ergebnisse öffentlich darstellbar sind (z.B. durch Publikation von Ergebnissen in technischen Fachzeitschriften oder aber durch Berichtserstattung in lokalen oder auch überregionalen Medien), sollte sich ein positiver Imageeffekt für das gesamte Unternehmen ergeben (www.business-on.de/owl/studenten-kreierten-werbung-fuer-miele_id6581.html).

Abwägung von Vorzügen und Problemen
Den zahlreichen  genannten Vorteilen stehen nur relativ wenige Probleme oder Risiken gegenüber:

  • Für das Unternehmen entsteht ein gewisser Administrations- und Betreuungsaufwand, der von der Art und der Dauer der Projekte abhängig ist.
  • In einem gewissen Umfang – wiederum abhängig von der Art der Projekte oder Abschlussarbeiten – müssen den Studierenden und den Betreuern Unternehmensdaten  und -informationen zugänglich gemacht werden, die möglicherweise vertraulich sind. Hier sind die Studierenden sowie die Betreuer auf Geheimhaltung zu verpflichten und z.B. im Personal- oder auch Marketingbereich bezüglich der Einhaltung der Datenschutzbestimmungen zu unterrichten.
  • Nicht zu vergessen ist der Punkt, dass es sich bei studentischen Projekten oder Abschlussarbeiten bei aller Qualifikation und Motivation der Teilnehmer um Maßnahmen handelt, die noch dem Lernen dienen. Insofern sind Fehler oder Qualitätsprobleme nicht grundsätzlich auszuschließen, auch wenn eine effektive Betreuung in der Regel zu einer Lösung führen sollte, die die Kundenzufriedenheit sicherstellt.

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die zahlreichen Vorteile gegen über den wenigen Risiken doch deutlich überwiegen: insofern kann man Unternehmen und speziell Personalabteilungen, die diese nützlichen Instrumente noch nicht wahrnehmen, nur dazu aufrufen, möglichst bald einmal auf die Suche nach geeigneten Aufgabenstellungen für Projekte und/oder Abschlussarbeiten von Studierenden zu gehen.

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