Arbeitszeugnisse richtig interpretieren

Mit Bewerbungsanschreiben und Lebensläufen können Bewerber schnell überzeugen. Doch die bisherige und tatsächliche Arbeitsleistung eines Kandidaten erfahren Sie nur in Arbeitszeugnissen. Voraussetzung dafür: Sie kennen die verwendeten Codes und deren Aussage.

Arbeitszeugnisse richtig analysierenQualifizierte Arbeitszeugnisse richtig zu interpretieren, fällt Personalern manchmal schwer. Die Herausforderung: Arbeitgeber müssen Arbeitszeugnisse wohlwollend formulieren und nutzen daher indirekte Aussagen zur Leistungs- und Verhaltensbeurteilung. Was sich beim ersten Lesen ganz gut anhört, kann sich bei genauerer Betrachtung als durchschnittlich oder sogar mangelhaft herausstellen. Beim Prüfen von Bewerbungsunterlagen sollten Sie daher ausreichend Zeit in die Interpretation von Arbeitszeugnissen investieren.

Tätigkeits- und Aufgabenbeschreibung

Bevor Sie sich einem Arbeitszeugnis eingehender widmen: Prüfen Sie anfangs, ob der Bewerber die von Ihnen gefragten Aufgaben schon einmal ausgeübt hat. Oftmals sind Stellenbezeichnungen vorheriger Positionen identisch oder ähnlich, aber die Unterschiede im Tätigkeitsfeld gravierend. Sind die Schnittpunkte in der Aufgabenbeschreibung zu gering, sollte der Bewerber seine Eignung an anderer Stelle erklären – beispielsweise im Anschreiben oder durch Zertifikate und Weiterbildungen. Bei der Aufgabenbeschreibung selbst: Eine stichpunktartige Auflistung aller Tätigkeiten enthält üblicherweise wenig Spielraum zur Interpretation der Arbeitsleistung. Achten Sie jedoch bei ausformulierten Beschreibungen auf die Unterscheidung zwischen aktiven und passiven Formulierungen. Die Passivierung einer Aufgabe oder Tätigkeit kann auf wenig Initiative des Mitarbeiters hindeuten.

Beurteilung der Arbeitsleistung

Die Leistungsbeurteilung in Arbeitszeugnissen können Sie anhand von Schulnoten interpretieren. Von besonderer Bedeutung sind die Standardformulierungen zur Erfüllung der übertragenen Aufgaben. Sie sind in der Regel in jedem qualifizierten Arbeitszeugnis enthalten und geben einen prägnanten Überblick über die Einschätzung vorheriger Arbeitgeber. Achten Sie dabei immer auf die Worte „stets“ und „vollsten/vollen“. Durch diese Begrifflichkeiten oder deren Fehlen bekommt die Formulierung ihre Aussagekraft.

  • Sehr gute Arbeitsleistungen: „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit aus.“
  • Gute Arbeitsleistungen: „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit aus“.
  • Befriedigende Arbeitsleistungen: „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit aus“.
  • Ausreichende Arbeitsleistungen: „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit aus.“
  • Mangelhafte Arbeitsleistungen: „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit aus“.

Verhalten gegenüber anderen

Um ein schlechtes Verhalten des Mitarbeiters im Zusammenspiel mit anderen festzuhalten, codieren Arbeitgeber ihre Botschaften unter anderem durch das Auslassen von Begrifflichkeiten. Ein „Sachbearbeiter Vertrieb“ hat in seiner Aufgabe beispielsweise mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden zu tun – so die Annahme. In seinem Arbeitszeugnis sollten Sie daher den Satz lesen: „Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kunden und Kollegen war stets einwandfrei.“ Diese Bewertung ist als völlig in Ordnung zu sehen. Sie umfasst alle Personengruppen, mit denen der Mitarbeiter in seinen Arbeitsbereich zu tun hat. Zudem unterstreicht das Wort „stets“ die Kontinuität. Anders verhält es sich, wenn im Arbeitszeugnis steht: „Sein Verhalten gegenüber Kunden war einwandfrei.“ Durch die ausbleibende Nennung von Vorgesetzten und Kollegen können Sie davon ausgehen, dass es im Team und in der Zusammenarbeit mit Führungskräften Unstimmigkeiten gab.

Schlussformel

Bei der Interpretation von Arbeitszeugnissen unterschätzen viele Leser die Schlussformel. Arbeitgeber haben an dieser Stelle relativ freien Gestaltungsspielraum. Denn: Sie gehört aus Sicht des Arbeitsrechts nicht zum vertraglich geschuldeten Inhalt beim Ausstellen eines Arbeitszeugnisses. Das gesamte Zeugnis, so gut es auch sei, kann durch die Schlussformulierung relativiert werden. Achten Sie daher darauf, ob vorherige Arbeitgeber ihren „Dank für die Zusammenarbeit“ sowie die „guten Wünsche für die Zukunft beruflich wie persönlich“ am Ende ausdrücken. Suchen Sie solche Aussagen vergeblich, sollten Sie dies in Ihre Interpretation von Leistung und Verhalten mit einfließen lassen.

Weitere Formulierungen und Geheimcodes in Arbeitszeugnissen finden Sie unter: http://www.zeugnisdeutsch.de/arbeitszeugnis/geheimcodes.php

Autor: Sven Lechtleitner, Mitautor „Geprüfte Personalfachkaufleute“ – Kapitel Personalbeschaffung, Luchterhand 2014. Foto: © BlueSkyImages - Fotolia.com