Berufliches Burn-out: Therapeutische Sprechstunde im Unternehmen kann vorbeugen

Der berufliche Burn-out ist zwar keine offiziell anerkannte Krankheit. Zahlreiche Daten und Schätzungen deuten aber darauf hin, dass viele Berufstätige mit dem „Syndrom der völligen psychischen und körperlichen Erschöpfung“, wie es der Duden umschreibt, zu kämpfen haben. Mitarbeiter kostet das die Gesundheit, Unternehmen Geld. Therapeutische Sprechstunden am Arbeitsplatz können Prävention leisten.

Berufliches Burn-out: Therapeutische Sprechstunde im Unternehmen kann vorbeugen/©Robert Knechte-Fotolia.com

Problembewusstsein ist gewachsen

„Daten zum Thema Burn-out liegen in der amtlichen Statistik nicht vor“, heißt es beim StatistischenBundesamt Destatis. Fest steht jedoch, dass psychische Erkrankungen mittlerweile eine der wichtigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland ist. Ob dies an steigendem Stress oder an einer besseren und früheren Diagnostik liegt, sei dahingestellt. Seitdem das Burn-out-Syndrom allgemein bekannt wurde, hat sich offensichtlich vieles getan. So stagnierten die Fehltage laut Krankenstandsanalyse der DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr bei 4,3 Tagen pro 100 Beschäftigte – 2010 war ein Höchststand von 10,2 Tagen zu verzeichnen. 

Noch besser ist es freilich, vorzubeugen, bevor sich ein Burn-out überhaupt abzeichnet. Das liegt nicht nur im Interesse des Arbeitnehmers, für den der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht hat. Unternehmen haben mit einer Vielzahl an Nachteilen zu rechnen, wenn Mitarbeiter mit einem Burn-out ausfallen. Zunächst wirft es kein gutes Licht auf die Arbeitsbedingungen, wird das Syndrom doch unter anderem mit hoher Arbeitsbelastung, einer mangelhaften Arbeitsumgebung sowie zu viel Stress und Druck in Verbindung gebracht. Hinzu können Kosten und Mehrbelastungen durch den Ausfall des Beschäftigten kommen. Wächst der Arbeitsberg dadurch für die verbliebenen Teammitglieder dauerhaft an, ist es manchmal nur eine Frage der Zeit, bis es weitere Kolleginnen oder Kollegen erwischt.

Frühintervention hilft

„Psychosomatische Sprechstunden im Betrieb tragen dazu bei, psychische Erkrankungen von Beschäftigten zu verhindern oder rechtzeitig zu erkennen.“ Das schreibt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), die sich derzeit an einem Forschungsprojekt zur optimalen Gestaltung solcher Angebote beteiligt. Als Gründe für die verspätete Inanspruchnahme von Hilfe bei psychischen Problemen haben die Wissenschaftler unter anderem mangelnde Information und einen ungenügenden Zugang zu Erstberatung und Frühintervention identifiziert. 

Beidem kann eine Beratung von Berufstätigen direkt am Arbeitsplatz entgegenwirken. Sie werden an Ort und Stelle unterstützt und können, sofern erforderlich, schnell an die richtigen Ansprechpartner im medizinisch-therapeutischen System weitergeleitet werden. Vorrangiges Ziel ist es jedoch, bereits einzugreifen, bevor eine psychische Krise zu einer langen Arbeitsunfähigkeit führt.

„Förderlich für die Akzeptanz und Inanspruchnahme sind eine gute innerbetriebliche Koordination und Transparenz“, heißt es bei der BAuA weiter. Unabdingbar sei zudem die strikte Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht. Das Forschungsprojekt, in dem die Bundesanstalt die Einführung solcher Sprechstunden in niedersächsischen Betrieben begleitet und evaluiert, läuft bis September 2018.

Krankenkassen unterstützen Unternehmen

Praktische Erfahrungen mit einer innerbetrieblichen psychosomatischen Sprechstunde sammeln die Wieland-Werke AG und die Wieland BKK bereits seit Oktober 2011. Durchgeführt wird sie von Mitarbeiterinnen der Universitätsklinik Ulm, wird im BKK-Gesundheitsreport 2016 berichtet. Nach fünf Jahren Erfahrung wird die Sprechstunde von den Experten als „sehr positiv“ bewertet. Das niedrigschwellige Angebot erreiche die Personen, die ansonsten einen „eher schwierigen Zugang zur Beratung bei psychischen Problemen“ hätten. 82 Prozent der Ratsuchenden sind Männer, 52 Prozent von ihnen arbeiten im Schichtbetrieb.

Das Konzept ist bewusst nicht auf den Arbeitsplatz reduziert: „Psychische Belastungen entstehen nicht allein mit dem Betreten des Werkes und fallen nicht ab beim Verlassen.“ In einer ersten Evaluation bestätigte sich das Vorgehen als richtig: Lediglich bei 30 Prozent der Fälle war der Anlass für die Probleme rein arbeitsbezogen, bei 22 Prozent bestand gar kein Arbeitsplatzkonflikt.

Auch andere Krankenkassen unterstützen Unternehmen bei der Vorbeugung psychischer Belastungen und insbesondere des Burn-outs am Arbeitsplatz. Die TK beispielsweise hat eine 56-seitige Broschüre zum Thema veröffentlicht. Darin werden ausführlich Symptome, Ursachen sowie nützliche Führungsgrundsätze und Verhaltensregeln vorgestellt.

Fazit

Niedrigschwellig, leicht erreichbar und direkt am Ort des Geschehens – das sind die größten Vorteile, die das Angebot einer therapeutischen Sprechstunde im Betrieb auszeichnen. Unternehmen, die die Investition nicht scheuen, werden mit gesünderen Mitarbeitern und einem Imagegewinn belohnt. Dr. Eva Voß, Beraterin bei EY, sieht Prävention am Arbeitsplatz ohnehin längst als Pflicht an. Gegenüber dem BKK-Gesundheitsreport sagte sie: „Schon längst ist Betriebliches Gesundheitsmanagement kein soziales ‚Gedöns‘ mehr oder ein neuerlicher ‚Spleen von HR‘, sondern angesichts alternder Belegschaften, fehlender Fachkräfte und lebensphasenbedingter Auszeiten schlichte Notwendigkeit, um mit der sich wandelnden Arbeitswelt Schritt zu halten.“

Autor: David Schahinian, freier Journalist, Frankfurt a. Main