Bewerbungsanschreiben richtig beurteilen

Viel Text und doch keine Aussage – vor dieser Herausforderung stehen Personaler nur zu oft, wenn es um die Beurteilung von Bewerbungsanschreiben geht. Im Auswahlprozess helfen jedoch klare Kriterien, gute Anschreiben von schlechten zu unterscheiden.

DBewerbungsanschreiben richtig beurteilenas Bewerbungsanschreiben ist der Einstieg einer jeden Bewerbung. Es kann überzeugen, abschrecken oder garkeine Aussage enthalten. Wer schon einmal zahlreiche Bewerbungen für eine Stelle gesichtet hat, der weiß: Viele Anschreiben klingen gleich. Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen – ein beliebter Satz zum Einstieg. Doch wenn alle Bewerber sich für die Stelle gleichermaßen interessieren, erschwert dies die Auswahl. Personaler sollten daher die Bewerbungsanschreiben, neben Lebenslauf und Zeugnissen, näher betrachten. Wichtig dabei: Bilden Sie Kriterien, anhand derer Sie selektieren können.

 

  1. Formelle Gestaltung: Zu Beginn sollten Sie den Gesamteindruck des Bewerbungsanschreibens auf sich wirken lassen. Überprüfen Sie dabei, ob sich der Bewerber an die Regeln des gängigen Schriftverkehrs hält. Sind Datum und Ort im Anschreiben aufgeführt und an der richtigen Stelle? Sind Absender und Empfänger korrekt aufgeführt? Passt die Formatierung? Hat das Anschreiben Struktur? Nutzt der Bewerber Absätze? Beschränkt sich das Anschreiben auf eine Seite? Enthält das Anschreiben die Unterschrift des Kandidaten?
  2. Sprache: Prüfen Sie das Bewerbungsanschreiben auf Rechtschreib- und Grammatikfehler. Dies gilt ebenfalls für Schreibfehler im Firmennamen und Adresskopf. Bedenken Sie jedoch: Wenn es sich offensichtlich um einen kleinen Tippfehler handelt, geben Sie dem nicht zu großes Gewicht. Darüber hinaus: Wie geht der Bewerber mit der Sprache um? Welchem Sprachstil entspricht das Anschreiben? Ist der Text klar und deutlich formuliert?
  3. Ansprache: Ist in der Stellenanzeige ein Ansprechpartner angegeben, so sollte der Bewerber diesen auch direkt ansprechen. Eine Anrede an die Allgemeinheit, kann in diesem Fall bedeuten, dass sich der Bewerber mit der Stellenanzeige nur flüchtig auseinandergesetzt hat. Oder umgekehrt: Ist kein Ansprechpartner angegeben, aber die Anrede im Anschreiben an die richtige Person gerichtet, hat sich der Bewerber informiert. Dies zeugt von Interesse und Auseinandersetzung mit der Stelle bzw. dem Unternehmen.
  4. Zeitaufwand: Versuchen Sie einmal einzuschätzen, wie viel Zeit die einzelnen Kandidaten in ihre Bewerbung investiert haben. Sieht das Anschreiben aus, als wäre es schnell „runter geschrieben“? Oder haben Sie den Eindruck, der Bewerber hat sich Zeit genommen? Bedenken Sie dabei: Es handelt sich um eine persönliche Einschätzung. Wie viel Zeit der Bewerber tatsächlich investiert hat, können Sie lediglich vermuten.
  5. Individualität: Viele Bewerber verwenden ein Standardanschreiben für verschiedenen Bewerbungen. Der Rückschluss: Der Bewerber hat sich mit Ihrer Stelle nicht auseinandergesetzt. Er verschickt eventuell zahlreiche Bewerbungen und möchte nur geringen Aufwand haben. Prüfen Sie daher anhand der Stellenanzeige, wie sehr sich der Bewerber damit im Anschreiben beschäftigt hat. Hat er Anforderungen aufgegriffen? Wie gezielt hat sich der Bewerber mit den Aufgaben der Stelle auseinandergesetzt? Ist er ggf. darüber hinaus auf Informationen zu Ihrem Unternehmen eingegangen, die nicht in der Stellenanzeige stehen? 
  6. Selbsteinschätzung: Aus dem Bewerbungsanschreiben sollte ebenfalls hervorgehen, inwiefern sich der Bewerber für genau diese Stelle als passend erachtet. An welchen Punkten der Stellenanzeige sieht der Bewerber Schnittpunkte zu seiner Person? Warum hält er sich für geeignet? Welche Eigenschaften bringt er mit, um die Stelle erfolgreich auszufüllen? Achten Sie bei diesen Textpassagen darauf, ob der Bewerber nur sich selbst darstellt oder sich eher einem möglichen Stellenziel zuordnet.
  7. Motivation: Der wohl wichtigste Punkt in einem Bewerbungsanschreiben. An dieser Stelle wird schnell klar, wie der Bewerber sich mit Ihrer Stelle identifiziert. Wie begründet der Bewerber, dass er für Ihr Unternehmen arbeiten möchte? Haben Sie dabei den Eindruck, er möchte lediglich seinen aktuellen Arbeitgeber verlassen? Oder vermittelt der Bewerber glaubhaft, dass er wegen der Stelle, Herausforderung oder Perspektive wechseln möchte? Die Motivation des Bewerbers sowie der Grund der Bewerbung sollten deutlich erkennbar sein.
  8. Rahmenbedingungen: Der Bewerber sollte in seinem Anschreiben auch notwendige Eckdaten kurz ansprechen. Das heißt: Welche Kündigungsfrist liegt vor? Ab wann kann er zur Verfügung stehen? Fehlen diese Angaben, müssten Sie unter Umständen nachhaken. Bei wenigen Bewerbungen kein Problem, bei einer Vielzahl kaum denkbar. Und: Ist eine Gehaltsvorstellung in der Stellenanzeigen gefragt, sollte der Bewerber diese auch angegeben haben.

Autor: Sven Lechtleitner, Mitautor "Geprüfte Personalfachkaufleute" Kapitel Personalbeschaffung, Luchterhand 2014/ Foto: © Coloures-pic - Fotolia.com