Bockig, sperrig, unkooperativ: Anstrengende Mitarbeiter sind besser als ihr Ruf

Wohl jeder dürfte einen Arbeitskollegen (oder eine Arbeitskollegin) kennen, den/die man als schwierig empfindet. Das kann sich beispielsweise durch ständiges Hinterfragen von Entscheidungen, einem Chaos in der Organisation, eine stark ausgelebte Individualität oder mangelnden Teamgeist äußern. Was bei manchem Ärger oft vergessen wird: Reibung erzeugt Energie, die das Unternehmen voranbringen kann.

Anstrengende Mitarbeiter sind besser als ihr Ruf

Was nicht passt, wird passend gemacht

Und sie bewegt sich doch! Als Galileo diesen Satz gesagt haben soll, hatte er gerade erst seine These von der Erde, die sich um die Sonne dreht, widerrufen und sich damit vor dem Scheiterhaufen gerettet. Aber er dachte nicht daran, der Autorität Kirche tatsächlich nachzugeben. Der Lauf der Zeit hat ihm recht gegeben, er stellte buchstäblich das gesamte Weltbild der Menschheit auf den Kopf. Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig. Aber auch heute noch haben es bockige, sperrige oder unkooperative Menschen schwer, obwohl ihre Ideen zu entscheidenden Durchbrüchen verhelfen können. Dem Vorgesetzten oder Teamkollegen gelten sie im günstigen Fall als anstrengend, im ungünstigen als schwierig oder manchmal sogar als toxisch.

Die moderne Arbeitswelt macht es ihnen nicht einfacher. Viele Unternehmen haben angesichts der Globalisierung und des technischen Fortschritts in den vergangenen Jahren ihre Prozesse verschlankt, optimiert und/oder automatisiert. Wenn es sich nicht gerade um kreative oder künstlerische Berufe handelt, kommt es oftmals umso mehr darauf an, dass ein Zahnrad ins andere greift. Unkonventionelle, unangepasste oder Widerspruch erzeugende Verhaltensweisen stören diese Abläufe.

Konsens kann zu Nachteilen führen

Solche Mitarbeiter mögen zwar im Umgang mehr Zeit und Kraft kosten, aber sie sind besser als ihr Ruf. Wer nichts hinterfragt und Dienst nach Vorschrift erledigt, trägt auch nichts zur Weiterentwicklung des Unternehmens bei. Dass Gruppendenken sogar schaden kann, ist seit langer Zeit bekannt. Dann nämlich, wenn der Wunsch nach Harmonie und Konsens so groß ist, dass die eigene Meinung an die erwartete Gruppenmeinung angepasst wird – auch, wenn dies zu einem insgesamt schlechteren Ergebnis führt. Aufgebrochen wird dies unter anderem durch mittlerweile in vielen Betrieben institutionalisierte Ideenbörsen, bei denen Mitarbeiter dafür honoriert werden, alltägliche Abläufe infrage zu stellen und Optimierungen vorzuschlagen.

Bei anstrengenden Mitarbeitern kommen jedoch soziale Komponenten ins Spiel, die sowohl für die Führungskraft als auch die Kollegen zur Herausforderung werden können. Es gibt kein Patentrezept, da die Ausprägungen dessen, was andere als anstrengend empfinden, sehr individuell sind. Was den einen stört, bewundert ein anderer vielleicht.

Toleranz üben – aber in Maßen

Es gibt zahlreiche Hilfestellungen, die versuchen, anstrengende Mitarbeiter und ihre Verhaltensweisen in eine Schublade zu pressen und Ratschläge zu geben, wie man mit ihnen am besten umgeht. Im Einzelfall mögen sie helfen, denn klar ist, dass es in einem Unternehmen auch für schwierige Mitarbeiter rote Linien geben muss, die nicht überschritten werden dürfen – etwa, wenn der Betrieb durch ihr Verhalten dauerhaft Schaden nimmt oder gesamte Teams, Gruppen oder Abteilungen rebellieren.

Grundsätzlich sollte der Gesprächsfaden auch zu den anstrengenden Mitarbeitern nie abreißen. Ist das Verhalten tolerierbar und sind positive Effekte erkennbar, spricht nichts dagegen, den Status quo beizubehalten und Nachsicht zu üben. Das Team Portugals ist Fußball-Europameister geworden – nicht allein durch, aber vor allem auch wegen des polarisierenden Spielers Cristiano Ronaldo.

Die Herausforderung annehmen

Droht die Arbeitsatmosphäre aber aus dem Ruder zu laufen, sollte gehandelt – und zunächst Ursachenforschung betrieben werden. Wird das Verhalten des Mitarbeiters durch private Probleme verursacht, kann ihm etwa eine Schonzeit eingeräumt oder gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden. Verweigert sich der Mitarbeiter dagegen bewusst, können Motivationsanreize oder die Androhung von Sanktionen die Situation entschärfen.

Unerlässlich ist aber auch die Fähigkeit zur Selbstkritik: Womöglich liegt das harsche Urteil des Vorgesetzten darin begründet, dass er sich in seiner Autorität angegriffen fühlt, mit Widerspruch schlecht umgehen kann – oder ihm der Mitarbeiter trotz guter Leistungen einfach unsympathisch ist. Vielleicht sind es gar die eigenen Probleme oder Charakterzüge, die das Gegenüber als anstrengend erscheinen lassen, weil es einen bestimmten Nerv oder eine Schwäche trifft?

Fazit: Vermeintliche Schwächen können Stärken sein

Anstrengenden Mitarbeitern ihre Ecken und Kanten abzugewöhnen ist schwierig – und in Unternehmen oftmals kontraproduktiv. In Zeiten, in denen Diversität in der Arbeitswelt großgeschrieben wird, verdienen auch die Unangepassten eine Lobby. Oftmals sind gerade sie es, die entscheidende Impulse für Innovationen oder Verbesserungen geben. Gelassenheit und Humor im Umgang mit ihnen führt meist weiter als blanke Konfrontation. Im Rheinland weiß man das schon lange: „Jeder Jeck ist anders, und jeder anders jeck.“

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Autor: David Schahinian, freier Journalist, Frankfurt a. M./© pixeldompteur44-Fotolia.com