Crowdworking: Das (noch) unerschlossene Gebiet der Arbeitswelt

Der Arbeitsmarkt ist im Umbruch. Das spüren Arbeitgeber und Personaler Tag für Tag. Haben Sie schon Erfahrungen mit „Crowd-“ und „Clickworking“? Oder bereits Tätigkeiten via Internet für die Crowd in die Cloud outgesourct? Wenn nicht, dann erfahren Sie hier, was da auf Sie zukommt.  

Crowdworking: Das unerschlossene Gebiet der Arbeitswelt/© Svyatoslav Lypynskyy - Fotolia.com

Sie wünschen sich, dass Ihre Arbeit schnell, pünktlich, professionell und möglichst kosteneffizient erledigt wird. Sie brauchen dazu viele Experten, die Sie aber nicht einen ganzen „9-to-5“-Arbeitstag beschäftigen und bezahlen wollen. Eine Maschine wäre ideal: on, off – und bloß in Betrieb, wenn sie gebraucht wird. Das geht mit Arbeitskräften aus Fleisch und Blut auch – zumindest in einschlägigen Sciencefictionfilmen.

Crowdworking bezeichnet ein System, bei dem Unternehmen anfallende Tätigkeiten auf einer fremden Onlineplattform (z.B. www.twago.de) oder der eigenen Webseite anbieten, die Aufträge dort dann von Interessierten angeklickt und erledigt werden können. Natürlich gegen Bezahlung – auch wenn’s manchmal nur Centbeträge sind. Fürs Crowdworking von zuhause – oder von jedem anderen Ort der Welt  mit Internetzugriff – geeignete Aufgaben sind u. a. Bildbearbeitung, Fehlerrecherche, Kontrolltätigkeit, Produktbeschreibung, Produktkritik, Testauswertung, Texterstellung, Übersetzung u. v. m. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Die Informationsverarbeitung im und für das Internet sind ohne die Community der Crowdworker nicht mehr denkbar. Surfen Sie doch einfach mal auf den Webseiten www.clickworker.de und www.crowdcommunity.de.

Als Unternehmer haben Sie bei dieser Art des Auslagerns von Tätigkeiten in die Anonymität des Internets – man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Crowdsourcing“ – den großen Vorteil, dass Sie nur das bezahlen, was sie wirklich brauchen. Der Crowdworker klickt sich im Portal oder auf Ihrer Webseite von Job zu Job. Er sucht sich – zumindest in der Theorie – die Aufträge aus, die ihm liegen und für die er qualifiziert ist. Haben Sie dann irgendwann einen verlässlichen Pool von Clickworkern zusammen, dürfen Sie sich darauf verlassen, dass Sie Ihre Aufträge fachmännisch, schnell und kostengünstig abgearbeitet bekommen. Sie zahlen nur für den angeklickten Job und nur den Betrag, den Sie online angeboten haben.

Crowdworking in rechtsfreier Zone 

Das hört sich alles verlockend an. Da scheint sich ein richtiges digitales Unternehmerparadies zu etablieren. „Pay-per-Job“ – und gut ist es. Aber dann kommen Ihre Probleme. Crowdworking verlässt an vielen Stellen die eingetretenen Pfade des Arbeitsrechts. Gut, die „Click-Arbeiter“ bewahren sich ihre Zeitsouveränität. Muss der Auftrag nicht zu einem bestimmten Termin erledigt sein, können sie früh morgens, am späten Nachmittag oder gar in der Nacht arbeiten. Sie können die Jobs anklicken, die ihnen zusagen. Wer ein paar schnelle Euro nebenbei verdienen möchte, der sitzt beim Clickworking mit „Pay-per-Job“-Prinzip zuhause am PC sicherlich in der ersten Reihe. Auf der anderen Seite muss ein Click-Arbeiter aber auch von irgendetwas leben – und das wird wahrscheinlich nicht sein Job in der Crowd der Namenlosen auf Cloud sieben sein.

Im gewohnten – analogen – Arbeitsleben schließen Sie mit Ihren Mitarbeitern einen Arbeitsvertrag. Am besten gleich schriftlich – dann sparen Sie sich den gesonderten Nachweis der Arbeitsbedingungen. Nach dem Vertragsschluss verpflichtet Sie das analoge Arbeitsrecht bei der Beschäftigung Ihrer Mitarbeitern bestimmte Arbeits- und Pausenzeiten einzuhalten und ihnen einen Mindestlohn von 8 Euro 50 pro Stunde zu zahlen, wenn nicht gar mehr. Ihre Mitarbeiter haben Anspruch auf bezahlten Erholungsurlaub und Entgeltfortzahlung, wenn Ihre Arbeit liegenbleibt weil sie arbeitsunfähig krank sind. Sie müssen Ihre Arbeitsplätze vorschriftsmäßig gestalten und für ausreichenden Unfallschutz sorgen. Sie haben eine Fürsorgepflicht. Für Ihre Schwangeren und jungen Mütter gibt es das Mutterschutzgesetz, für Ihre schwerbehinderten Arbeitnehmer den besonderen Schutz nach dem SGB IX. Und wenn Sie Jugendliche und Auszubildende beschäftigen, wissen Sie, was Ihnen Jugendarbeitsschutz- und Berufsbildungsgesetz so alles abverlangen.   

Ihr Betriebsrat passt auf, dass Sie die Rechte Ihrer Beschäftigten wahren und bestimmt in vielen Bereichen Ihres Unternehmens mit. Müssen Sie sich einmal von einem ihrer Mitarbeiter trennen, kämpfen Sie gegen das Kündigungsschutzgesetz und viele andere Kündigungsbeschränkungen. Ach ja, und dann zahlen Sie noch Ihren Anteil an den Sozialversicherungsbeiträgen der Mitarbeiters und führen ihn mit dem Arbeitnehmeranteil an die Einzugsstelle ab. Sie ahnen es schon: Crowdworking via Internet birgt die große Gefahr, sich zu einer anonymen, unkontrollierten rechtsfreien Zone zu entwickeln.

Nun, einige Kritiker sprechen bereits von „App-Proletariern“, „digitalem Prekariat“, „Laptop-Elend“ und „Minutenlöhnern“ aus einer „neuen Arbeiterschicht“, die sich als „Mikrojobber“ ohne feste Anstellung von Auftrag zu Auftrag durchs Netz klicken. Die Möglichkeit, hier ein unkontrollierten Arbeitsmarkt heranwachsen zu lassen, ist sicherlich da. Auf der anderen Seite hat Clickworking für Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen gewissen Charme. Es muss nur geregelt sein. Der Clickworker darf zu Recht erwarten, von seinem Auftraggeber einen gewissen sozialen Schutz und die vereinbarte Vergütung zu bekommen. Aber egal wie sein Honorar bezeichnet wird: es ist Arbeitsentgelt, steuer- und sozialversicherungspflichtiges Arbeitsentgelt. Arbeitnehmerrechte dürfen im WorldWideWeb nicht leerlaufen.

Empfehlung für den Umgang mit Crowdworkern
Also: Wenn Sie beim Crowdworking alles richtig machen wollen, behandeln Sie Ihre digitalen Mitarbeiter am besten genauso wie Ihre analogen. Schließen Sie mit ihnen (Rahmen)Arbeitsverträge und begründen Sie mit ihnen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Als Alternative kommt die Vergabe von Clickjobs an selbstständige Auftragnehmer in Betracht. Dann kümmern sich die Clickworker selbst um Steuern und Sozialversicherung – aber Vorsicht: Plan B klappt nur bei echter, nicht bei Scheinselbstständigkeit.

Noch sind wir Jahre davon entfernt, dass der digitale Arbeitsmarkt den analogen ablöst und sich Arbeitnehmer einfach online an- und abschalten lassen. Crowdworking ist auch längst nicht für jede Tätigkeit geeignet. Aber da, wo es sich anbietet, ist es markt- und zukunftsfähig. Es sollte nur schleunigst in die richtigen rechtlichen Bahnen gelenkt werden. Unser analoges Arbeits- und Sozialrecht ist mit den Crowdsystemen kaum kompatibel. Da muss sich der Gesetzgeber langsam, aber sicher an eine digitale Lösung heranklicken … – ohne Crowdworking geht nichts mehr.

Autor: Dr. Heinz J. Meyerhoff, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Fachanwalt für Sozialrecht, Greven/ Foto: © Svyatoslav Lypynskyy - Fotolia.com

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