Kreative Interviewfragen: So lernen Sie Ihre Bewerber wirklich kennen!

Frage 10: Oft gibt es ja doch ein Haar in der Suppe. Welches wäre das für Sie bei uns? Und wie würden wir diese Frage Ihrer Einschätzung nach umgekehrt beantworten?

Wenn Sie im Laufe des Auswahlgesprächs den Eindruck gewinnen, es herrsche fast schon zu viel Übereinstimmung zwischen Ihnen und dem Kandidaten, lohnt es sich, mithilfe dieser Doppelfrage ein wenig „gegen den Strich zu bürsten“.

Die erste Frage nimmt die Erwartungshaltung des Bewerbers in den Fokus und gibt ihm Gelegenheit, mögliche Bedenken oder Zweifel zu äußern. Mit der zweiten Frage überprüfen Sie, wie er das Stellen- bzw. Anforderungsprofil verstanden hat und seine Eignung einschätzt.

Erwartungshorizont

Die Frage ist als Katalysator für eine fortgeschrittene oder abschließende Interview-Phase gedacht und setzt voraus, dass der Kandidat schon einiges über die zu besetzende Position und Ihr Unternehmen erfahren hat. Sie hilft Ihnen und dem Bewerber dabei, mögliche Minuspunkte hinsichtlich der gegenseitigen Passung zu ermitteln.

Dadurch, dass der Kandidat ausgerechnet die Nachteile des möglichen Arrangements benennen soll, bringt die Frage – je nach Sichtweise – entweder ein Dilemma oder Raum für (ggf. humorvolle) Selbstreflexion ins Gespräch. Denn üblicherweise präsentiert man sich im Job-Interview ja von seiner besten Seite und fokussiert nicht die Defizite.

Auf der faktischen Ebene verrät Ihnen die Antwort des Bewerbers, was ihm als potenziellem Stelleninhaber bzw. Mitarbeiter in Ihrem Hause wichtig ist und wovon er die Zusammenarbeit abhängig macht, beispielsweise:

  • Zuschnitt der Aufgabe
  • Personalverantwortung
  • Auslandseinsätze
  • Entwicklungsmöglichkeiten
  • Zusammenarbeit mit (Ihnen als) der direkten Führungskraft
  • Gehalt und Nebenleistungen
  • Arbeitszeitgestaltung
  • Unternehmenskultur
  • Ausstattung des Arbeitsplatzes
  • sonstige Rahmenbedingungen.

Auf der übergeordneten Ebene lässt die Antwort des Kandidaten Rückschlüsse auf seine kognitiven, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zu:

  • Knüpft der Kandidat einen roten Faden zwischen den beiden Teilen der Frage?
  • Entwickelt er eine durchgängige Argumentationslinie oder verliert er sich in Kleinigkeiten?
  • Wie ehrlich bzw. sozial erwünscht fällt seine Antwort aus?
  • Traut sich der Bewerber, kritische oder negative Aspekte anzusprechen?
  • Bleibt er auch auf Nachfrage bei seinen Kritikpunkten? Oder passt er sich Ihrer Sichtweise an?
  • Wie selbstbewusst zeigt er sich?
  • Steht er zu seinen möglichen Defiziten?
  • Wie überzeugend begründet er ggf., dass es aus seiner Sicht kein Haar in der Suppe gibt?
  • Greift er den latenten Humor der Frage auf?

Bei den Antworten des Kandidaten wird es kein eindeutiges „Richtig“ oder „Falsch“ geben. Vielmehr kommt es darauf an, Ihre Beobachtungen und Eindrücke mit denen des Bewerbers abzugleichen:

  • Stimmen die Wahrnehmungen, Rückschlüsse oder Bedenken beider Seiten in hohem Maße überein?
  • Oder haben Sie das Gefühl, Sie und der Kandidat hätten an zwei völlig unterschiedlichen Gesprächen teilgenommen?

Praxistipp

Es lohnt sich, in Auswahlgesprächen von bewährten, aber angestaubten Routinen abzuweichen und individuelle Akzente zu setzen. Das funktioniert besonders gut mithilfe kreativer Fragen abseits des üblichen Weges (im Englischen auch „Offbeat Questions“ genannt), auf die sich die Kandidaten nicht oder nur eingeschränkt vorbereiten können.

Setzen Sie kreative Fragen im Auswahlgespräch gezielt ein: zum Beispiel, um die Eröffnungsroutine aufzulockern, wenn Sie nicht an den Kandidaten herankommen. Oder um neue Fahrt aufzunehmen, wenn der Dialog ins Stocken gerät. Oder um Themen anzusteuern, die der Bewerber von sich aus nicht anspricht.
 
Stellen Sie unkonventionelle Fragen auf keinen Fall, um Bewerber unter Druck zu setzen. Das wäre völlig kontraproduktiv. Allerdings dürfen sie durchaus mal knifflig oder provokant ausfallen. Deshalb ist es bei dieser Fragetechnik besonders wichtig, den Bewerbern fair und auf Augenhöhe zu begegnen. Empfehlenswert ist hier eine kurze Anmoderation – etwa mit folgendem Tenor: „Die nächste Frage klingt vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich würde gerne von Ihnen wissen ...“
  

Beitrag von: Jochen Gabrisch, Autor der Fachbücher "Die Besten entdecken" und "Die Besten im Gespräch"/Bild: ©Alexander Pokusay-Fotolia.com

 

Alle Fragen im Überblick

   
Kreative Interviewfragen: So lernen sie Ihre Bewerber wirklich kennen/Foto: ©Alexsander Fokusay-Fotolia.com

Frage 1: Angenommen, unser Unternehmen gäbe es über Nacht nicht mehr. Wo würden Sie sich stattdessen bewerben und warum? 

   
Kreative Interviewfragen: So lernen sie Ihre Bewerber wirklich kennen/Bild: ©Alexsander Fokusay-Fotolia.com

Frage 2: Man hat ja immer Kollegen, die man mag, und solche, die man weniger mag. Wie ist das bei Ihnen? – Beschreiben Sie uns einen Kollegen, auf den Sie gut verzichten könnten.

   

Frage 3: Viele Menschen haben ja einen „Tick“, eine merkwürdige Angewohnheit. Wie sieht das bei Ihnen aus?

   
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Frage 4: Wenn Sie sich Ihre Zufriedenheit im Beruf als Kurve vorstellen, wie würde diese Kurve im Zeitverlauf aussehen?

   
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Frage 5: Wenn Sie an Ihrer Führungskraft eine Sache ändern könnten, sodass Sie beide (noch) besser zusammenarbeiten würden, welche Sache wäre das?

   
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Frage 6: Welche Frage möchten Sie hier bei uns im Gespräch lieber nicht gestellt bekommen?

   
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Frage 7: Wenn Sie unser Gespräch an dieser Stelle einschätzen würden, wie läuft es aus Ihrer Sicht?


   
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Frage 8: Welches Tier würde unser Unternehmen Ihrer Meinung nach besonders gut repräsentieren?

   
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Frage 9: Was wäre aus Ihrem Leben – neben Familie, Freunden und Beruf – nicht wegzudenken?

   
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Frage 10: Oft gibt es ja doch ein Haar in der Suppe. Welches wäre das für Sie bei uns? Und wie würden wir diese Frage Ihrer Einschätzung nach umgekehrt beantworten?