Kreative Interviewfragen: So lernen Sie Ihre Bewerber wirklich kennen!

Frage 5: Wenn Sie an Ihrer Führungskraft eine Sache ändern könnten, sodass Sie beide (noch) besser zusammenarbeiten würden, welche Sache wäre das?

Die Beziehung zur direkten Führungskraft ist ein wesentlicher Faktor, wenn Mitarbeiter sich von einem Unternehmen abwenden. Deshalb ist diese Frage gut geeignet, um die Wechselmotivation der Bewerber auszuleuchten. Sie animiert dazu, die Hierarchie in der Führungsbeziehung einmal umzudrehen und den eigenen Chef zu bewerten.

Erwartungshorizont

Auf der inhaltlichen Ebene ermitteln Sie ganz konkret, was den Bewerber in der Zusammenarbeit mit seiner aktuellen Führungskraft stört bzw. was er für verbesserungsbedürftig hält. Im Umkehrschluss lernen Sie seine Bedürfnisse und Präferenzen kennen und können diese ggf. mit Ihrem eigenen Führungsverhalten abgleichen: Fühlt sich der Kandidat beispielsweise in seiner Entscheidungsbefugnis eingeengt oder vermisst er klare Ansagen der Führungskraft?

Im nächsten Schritt gilt es, die Antwort in Perspektive zu setzen: Wird der Bewerber (wie im obigen Beispiel) tatsächlich eingeengt oder braucht er einfach besonders viel Freiraum? Bezieht die Führungskraft tatsächlich keine Stellung oder benötigt der Kandidat sehr genaue Vorgaben, um selbstständig arbeiten zu können? Haken Sie hier ruhig einmal direkt ein, um den Bewerber zur Selbstreflexion zu bewegen: „Was genau sagt das Beispiel, das Sie gerade genannt haben, denn über Sie als Mitarbeiter aus?“

Auf der zwischenmenschlichen Ebene prüfen Sie das Konfliktverhalten und kommunikative Geschick des Kandidaten:

  • Wie geht er mit der scheinbar einfachen, aber stark zugespitzten Frage um?
  • Bezieht er klar Position oder weicht er ins Unverbindliche aus („Alles im grünen Bereich“)?
  • Lässt er sich verleiten, mehr über den Chef zu sagen, als angebracht wäre?

Achten Sie darauf, wie emotional aufgeladen die Antwort des Kandidaten ist. Berichtet er sachlich, ruhig, angespannt, aufgeregt, erbost oder resigniert? Das erlaubt Ihnen Rückschlüsse auf den subjektiv empfundenen Schweregrad der genannten Beispiele. Auch unter diesem Aspekt lohnt es sich, nachzuhaken: „Wie sehr stört Sie dieses Verhalten Ihres Chefs? Und warum?“

Diese Frage bietet sich an, wenn Sie als Personalverantwortlicher mit einem potenziellen künftigen Mitarbeiter die Themen Wechselmotivation und direkte Zusammenarbeit diskutieren wollen. Sie ist im Verlauf des Job-Interviews situativ einsetzbar, jedoch eher ungeeignet für die Gesprächseröffnung.

Praxistipp

Es lohnt sich, in Auswahlgesprächen von bewährten, aber angestaubten Routinen abzuweichen und individuelle Akzente zu setzen. Das funktioniert besonders gut mithilfe kreativer Fragen abseits des üblichen Weges (im Englischen auch „Offbeat Questions“ genannt), auf die sich die Kandidaten nicht oder nur eingeschränkt vorbereiten können.

Setzen Sie kreative Fragen im Auswahlgespräch gezielt ein: zum Beispiel, um die Eröffnungsroutine aufzulockern, wenn Sie nicht an den Kandidaten herankommen. Oder um neue Fahrt aufzunehmen, wenn der Dialog ins Stocken gerät. Oder um Themen anzusteuern, die der Bewerber von sich aus nicht anspricht.
 
Stellen Sie unkonventionelle Fragen auf keinen Fall, um Bewerber unter Druck zu setzen. Das wäre völlig kontraproduktiv. Allerdings dürfen sie durchaus mal knifflig oder provokant ausfallen. Deshalb ist es bei dieser Fragetechnik besonders wichtig, den Bewerbern fair und auf Augenhöhe zu begegnen. Empfehlenswert ist hier eine kurze Anmoderation – etwa mit folgendem Tenor: „Die nächste Frage klingt vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich würde gerne von Ihnen wissen ...“
 

Beitrag von: Jochen Gabrisch, Autor der Fachbücher "Die Besten entdecken" und "Die Besten im Gespräch"/Bild: ©Alexander Pokusay-Fotolia.com

 

Alle Fragen im Überblick

   
Kreative Interviewfragen: So lernen sie Ihre Bewerber wirklich kennen/Foto: ©Alexsander Fokusay-Fotolia.com

Frage 1: Angenommen, unser Unternehmen gäbe es über Nacht nicht mehr. Wo würden Sie sich stattdessen bewerben und warum? 

   
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Frage 2: Man hat ja immer Kollegen, die man mag, und solche, die man weniger mag. Wie ist das bei Ihnen? – Beschreiben Sie uns einen Kollegen, auf den Sie gut verzichten könnten.

   

Frage 3: Viele Menschen haben ja einen „Tick“, eine merkwürdige Angewohnheit. Wie sieht das bei Ihnen aus?

   
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Frage 4: Wenn Sie sich Ihre Zufriedenheit im Beruf als Kurve vorstellen, wie würde diese Kurve im Zeitverlauf aussehen?

   
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Frage 5: Wenn Sie an Ihrer Führungskraft eine Sache ändern könnten, sodass Sie beide (noch) besser zusammenarbeiten würden, welche Sache wäre das?

   
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Frage 6: Welche Frage möchten Sie hier bei uns im Gespräch lieber nicht gestellt bekommen?

   
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Frage 7: Wenn Sie unser Gespräch an dieser Stelle einschätzen würden, wie läuft es aus Ihrer Sicht?


   
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Frage 8: Welches Tier würde unser Unternehmen Ihrer Meinung nach besonders gut repräsentieren?

   
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Frage 9: Was wäre aus Ihrem Leben – neben Familie, Freunden und Beruf – nicht wegzudenken?

   
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Frage 10: Oft gibt es ja doch ein Haar in der Suppe. Welches wäre das für Sie bei uns? Und wie würden wir diese Frage Ihrer Einschätzung nach umgekehrt beantworten?