Kreative Interviewfragen: So lernen Sie Ihre Bewerber wirklich kennen

Frage 6: Welche Frage möchten Sie hier bei uns im Gespräch lieber nicht gestellt bekommen?

Diese scheinbar paradoxe Frage bringt ein Überraschungsmoment ins Job-Interview und erschwert das Abspulen von Standardantworten. Damit geben Sie Bewerbern Gelegenheit, Spontanität zu zeigen.

Die Frage bietet sich auch als „Joker“ an, wenn Sie im Laufe des Gesprächs den Eindruck gewinnen, den Kandidaten noch immer nicht richtig kennengelernt zu haben, obwohl er auf all Ihre vorherigen Fragen eine passende Antwort hatte.

Erwartungshorizont

Inhaltlich fokussiert die Frage im weitesten Sinne Schwächen und kleine „Geheimnisse“ des Kandidaten: Welches Thema würde er lieber meiden? Und welche selbst empfundene Unzulänglichkeit steckt vielleicht dahinter?

Die Bandbreite möglicher Antworten ist groß. Es kann beispielsweise um bestimmte, weniger erfolgreiche Stationen der Karriere gehen oder um die Trennung vom letzten Arbeitgeber, aber auch um vermeintliche Lappalien wie chronische Unordnung in der Schreibtischschublade. Daraus ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für vertiefende Fragen.

Zudem erlaubt Ihnen die Antwort des Bewerbers Rückschlüsse auf seine Sozialkompetenz:

  • Wie offen und selbstsicher reagiert er?
  • Wirkt er nervös?
  • Benennt er einen validen Punkt oder weicht er mit einer Pseudo-Antwort aus?
  • Wie geschickt zieht er sich aus der Affäre, zum Beispiel mithilfe einer humorvollen Bemerkung?
  • Nimmt er Ihren Ball auf und spielt ihn gekonnt zurück? – Etwa mit einer Erwiderung folgender Art: „Ich verrate Ihnen die Frage, vertraue aber darauf, dass Sie sie nicht stellen.“

Das sagt Ihnen eine Menge darüber, wie sich der Kandidat auf glattem Parkett bewegt, was besonders bei Positionen mit starker Außenwirkung von Bedeutung ist.

Selbst wenn Ihr Gesprächspartner bekundet, Sie dürften ihn absolut alles fragen, hat Sie diese Frage schon weitergebracht. Denn dann können Sie mit seinem Einverständnis auch wirklich schwierige Themen ansprechen.

Wichtig: Halten Sie sich dabei stets an die rechtlichen Vorgaben. Unzulässige Interviewfragen sind in jedem Fall tabu!

Praxistipp

Es lohnt sich, in Auswahlgesprächen von bewährten, aber angestaubten Routinen abzuweichen und individuelle Akzente zu setzen. Das funktioniert besonders gut mithilfe kreativer Fragen abseits des üblichen Weges (im Englischen auch „Offbeat Questions“ genannt), auf die sich die Kandidaten nicht oder nur eingeschränkt vorbereiten können.

Setzen Sie kreative Fragen im Auswahlgespräch gezielt ein: zum Beispiel, um die Eröffnungsroutine aufzulockern, wenn Sie nicht an den Kandidaten herankommen. Oder um neue Fahrt aufzunehmen, wenn der Dialog ins Stocken gerät. Oder um Themen anzusteuern, die der Bewerber von sich aus nicht anspricht.
 
Stellen Sie unkonventionelle Fragen auf keinen Fall, um Bewerber unter Druck zu setzen. Das wäre völlig kontraproduktiv. Allerdings dürfen sie durchaus mal knifflig oder provokant ausfallen. Deshalb ist es bei dieser Fragetechnik besonders wichtig, den Bewerbern fair und auf Augenhöhe zu begegnen. Empfehlenswert ist hier eine kurze Anmoderation – etwa mit folgendem Tenor: „Die nächste Frage klingt vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich würde gerne von Ihnen wissen ...“
 

Beitrag von: Jochen Gabrisch, Autor der Fachbücher "Die Besten entdecken" und "Die Besten im Gespräch"/Bild: ©Alexander Pokusay-Fotolia.com

 

Alle Fragen im Überblick

   
Kreative Interviewfragen: So lernen sie Ihre Bewerber wirklich kennen/Foto: ©Alexsander Fokusay-Fotolia.com

Frage 1: Angenommen, unser Unternehmen gäbe es über Nacht nicht mehr. Wo würden Sie sich stattdessen bewerben und warum? 

   
Kreative Interviewfragen: So lernen sie Ihre Bewerber wirklich kennen/Bild: ©Alexsander Fokusay-Fotolia.com

Frage 2: Man hat ja immer Kollegen, die man mag, und solche, die man weniger mag. Wie ist das bei Ihnen? – Beschreiben Sie uns einen Kollegen, auf den Sie gut verzichten könnten.

   

Frage 3: Viele Menschen haben ja einen „Tick“, eine merkwürdige Angewohnheit. Wie sieht das bei Ihnen aus?

   
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Frage 4: Wenn Sie sich Ihre Zufriedenheit im Beruf als Kurve vorstellen, wie würde diese Kurve im Zeitverlauf aussehen?

   
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Frage 5: Wenn Sie an Ihrer Führungskraft eine Sache ändern könnten, sodass Sie beide (noch) besser zusammenarbeiten würden, welche Sache wäre das?

   
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Frage 6: Welche Frage möchten Sie hier bei uns im Gespräch lieber nicht gestellt bekommen?

   
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Frage 7: Wenn Sie unser Gespräch an dieser Stelle einschätzen würden, wie läuft es aus Ihrer Sicht?


   
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Frage 8: Welches Tier würde unser Unternehmen Ihrer Meinung nach besonders gut repräsentieren?

   
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Frage 9: Was wäre aus Ihrem Leben – neben Familie, Freunden und Beruf – nicht wegzudenken?

   
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Frage 10: Oft gibt es ja doch ein Haar in der Suppe. Welches wäre das für Sie bei uns? Und wie würden wir diese Frage Ihrer Einschätzung nach umgekehrt beantworten? 

 

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