Künstliche Intelligenz oder Faktor Mensch?

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Dank gestiegener Rechnerkapazitäten und intensiver Technologie-Forschung sind heute Systeme und Anwendungen möglich, die vor wenigen Jahrzehnten noch kaum jemand für realisierbar hielt. Sie nutzen Unternehmen, und Unternehmen nutzen sie. Der Mensch bleibt zwar unersetzbar, muss aber Mut zu Veränderungen haben.

KI ist mehr Segen als Fluch

Abermilliarden von Verknüpfungen, eine Speicherkapazität von geschätzt mehreren Terabyte bei geringem Flächenverbrauch, dazu eine Lebensdauer von bis zu etwa 100 Jahren – klingt nach einem Superrechner. Die Rede ist aber vom menschlichen Gehirn. Bisher ist es niemandem gelungen, es auch nur annähernd in Gänze zu simulieren. Trotzdem gewinnt die Diskussion um Künstliche Intelligenz (KI) und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt an Bedeutung. Denn in einzelnen Bereichen gibt es bereits Lösungen, die die Fähigkeiten von einzelnen Menschen übersteigen. Auch wenn manche Systeme trotzdem nicht intelligent zu nennen sind, sondern "nur" mit unzähligen Datensätzen trainiert wurden, ist die Zukunftsfrage klar: Werden Maschinen die Menschen im Büro oder der Produktionshalle zunehmend ersetzen? Oder bleiben sie vielmehr Helfer, die die Qualität der menschlichen Arbeit verbessern?

Eine neue Studie von Deloitte gibt darauf eine recht eindeutige Antwort: "Menschliche Arbeit wird durch die Digitalisierung nicht überflüssig, im Gegenteil." Wie die Analyse der Beratung zeigt, sind im Schnitt 65 Prozent der Tätigkeiten, die ein berufstätiger Mensch in seiner täglichen Arbeitszeit verrichtet, nicht durch technische Lösungen zu ersetzen. Wo es beispielsweise auf Interaktion mit anderen, Empathie und Kreativität ankomme, würden Menschen auch künftig unschlagbar sein.

Natürlich gibt es branchenspezifische Unterschiede. So wird etwa das Zukunftspotenzial des Berufsfelds Gesundheit als besonders groß angesehen. Der Grund ist eine hohe Nachfrage bei einer geringen Ersetzbarkeit der Tätigkeiten. In anderen Bereichen, in denen viele Prozesse automatisiert werden können, werden signifikante strukturelle Veränderungen erwartet: Die eingesparte Zeit wird mit anspruchsvolleren Aufgaben gefüllt. Das setzt allerdings eine intensive Weiterbildung sowie fachliche Spezialisierung voraus – vor allem von derzeit noch niedrigqualifizierten Beschäftigten.

Persönliche Betroffenheit ist gering

Das Klischee, dass KI ein Schreckgespenst für Arbeitnehmer ist, scheint jedenfalls nicht zu stimmen. Rechner wie HAL 9000, der im Film 2001 ein eigenständiges Denken entwickelt und sich gegen die Menschen erhebt, bleiben eine Dystopie. Darauf weist eine weitere aktuelle Untersuchung hin. So fürchten dem Meinungsmonitor KI des Center for Advanced Internet Studies in Bochum und der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität zufolge nur sechs Prozent von 1.001 Befragten den eigenen Arbeitsplatzverlust durch den Einsatz künstlicher Intelligenz. Allerdings erwarten 54 Prozent, dass gesellschaftliche Minderheiten von KI in der Arbeitswelt nachteilig betroffen sein werden. Wie es zu dieser Einschätzung kommt, sei offen.

"Diejenigen, die Veränderungen erwarten, unterscheiden deutlich zwischen verschiedenen Aspekten des Arbeitslebens", heißt es in dem Report weiter. So wird KI in den Bereichen Arbeitsschutz, Anforderungen an notwendige Kompetenzen und Arbeitsbelastung gute Chancen für Verbesserungen eingeräumt, während sie bei der Pflege sozialer Kontakte, der Einkommensentwicklung und der Mitbestimmung am Arbeitsplatz eher als problematisch angesehen wird. Die recht positive Grundeinstellung ist allerdings mit Vorsicht zu genießen: Nur bei einem geringen Teil der Befragten sei ein Bewusstsein für das Veränderungspotenzial von KI vorhanden, schreiben die Wissenschaftler.

Wer glaubt, dass jüngere Menschen KI grundsätzlich offener und positiver gegenüberstehen, hat nur bedingt recht. Eine Umfrage von Kaspersky unter 743 berufstätigen Deutschen zwischen 16 und 30 Jahren zeigt, dass 48,6 Prozent von ihnen zwar daran glauben, dass die Technologie mehr Raum für Kreativität und Kommunikation schaffen könnte. 55,5 Prozent sind sich aber auch sicher, dass der Leistungsdruck zunehmen wird, weil KI schneller und effektiver als Menschen arbeiten kann.

Fazit: Frühzeitig die Zukunft planen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass echte künstliche Intelligenz noch Mangelware ist. Trotzdem sind bereits viele Anwendungen im Einsatz, die die Automatisierung vorantreiben oder mittels maschinellem Lernen bei Entscheidungsfindungen helfen. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten und wird sich fortsetzen. Daher ist es – neben der erwähnten Notwendigkeit von Weiterbildungen – nötig, entsprechende Strategien zu entwickeln. Um Skepsis und auch Ängsten bei den Mitarbeitenden zu begegnen, sollten sie frühzeitig in die Prozesse eingebunden werden. 

Wie das gehen kann, zeigt beispielsweise ein Whitepaper der Plattform Lernende Systeme. Darin werden vier Phasen beschrieben, die den Weg zu einer erfolgreichen Einführung von KI in Unternehmen weisen. Zudem raten die Autoren zu einem paritätisch besetzten KI-Rat, der die Change-Prozesse dauerhaft begleitet. Damit könne die Mitwirkung der Beschäftigten langfristig sichergestellt werden.

Autor: David Schahinian
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Stand: November 2020