Neuanfang einer Branche?

Das Erfolgsmodell Zeitarbeit gerät zusehends unter Zugzwang. Die Erhöhung der Tariflöhne und Einführung von Equal Pay sorgen für Druck. Doch die Branche möchte trotz steigender Kosten wettbewerbsfähig bleiben.

Uhr mit Schriftzug Zeitarbeit steht auf fünf vor zwölfErst der Ärger um sogenannte christliche Gewerkschaften, deren Tarifunfähigkeit den angekratzten Ruf der Branche beeinträchtigte. Dann das Hickhack um Equal Pay, was seit November zu deutlich höheren Gehältern beiträgt. Kurz: 2012 war alles andere als ein gutes Jahr für die Branche.

Dennoch wollen sich die Branchenvertreter nicht beklagen. Zwar werde Zeitarbeit teurer, gleichzeitig aber auch attraktiver für Bewerber. Grund ist der steigende Arbeitskräftemangel. "Gute Zeitarbeitnehmer können nur dann gewonnen werden, wenn die Zeitarbeit als Arbeitgeber konkurrenzfähig ist", sagt Andreas Dinges, Geschäftsführer der Adecco Gruppe in Deutschland. Die Annäherung an Equal Pay durch Branchenzuschläge erhöhe zwar den administrativen Aufwand für Ver- und Entleiher, sagt Vera Calasan, Chefin der deutschen Manpower-Gruppe. "Aber von den Zuschlägen profitieren unsere Mitarbeiter und somit steigt auch die Attraktivität unserer Branche."

Das klingt nach Wunschdenken. Zu beobachten ist, dass Unternehmen angesichts der konjunkturellen Eintrübung bereits Produktionsstopps verordnen, Mitarbeiter in Urlaub schicken sowie Überstunden abfeiern lassen - und Leiharbeiter nach Hause schicken. Wirtschaftlich und organisatorisch werde der Zeitarbeitsmarkt 2013 unter Druck geraten, so Hartmut Lüerßen, Partner beim Marktforscher Lünendonk. "Viele Zeitarbeitskunden fahren auf Sicht und planen die Kapazitäten schon jetzt kurzfristig."

Laut Lünendonk erwartet die Mehrheit der führenden Dienstleister für 2013 einen Rückgang des Marktvolumens. Das sei wesentlich auf die Branchenzuschläge zurückzuführen. Weiteres Problem laut Lüerßen: "Auch die Beratung der Unternehmen wird komplexer und erfordert deutlich mehr Kompetenz." Umgekehrt werde sich mittelfristig positiv auswirken, dass mehr Leiharbeiter mehr verdienen. Branchenvertreter rechnen sogar damit, dass Equal Pay die gesellschaftliche Akzeptanz der Zeitarbeit steigern und die Branche daher zahlreiche Arbeitskräfte neu gewinnen könnte.

Seit November müssen Zeitarbeitsfirmen ihren Mitarbeitern, sobald sie sechs Wochen ohne Unterbrechung bei einem Entleihbetrieb beschäftigt sind, einen Zuschlag von 15 Prozent auf den Zeitarbeitstarif zahlen, der seinerseits gemäß tariflicher Vereinbarung unlängst angehoben worden ist. Liegt keine längere Unterbrechung vor, kann der Gehaltszuschlag auf bis zu 50 Prozent steigen, und zwar in der letzten von insgesamt fünf Stufen, die nach neun Monaten Einsatzzeit beginnt. Je länger der Leiharbeiter beschäftigt ist, lautet die Daumenregel, desto höher sein Gehalt.

Die steigenden Kosten sind für viele Verleiher ein großes Problem. Heide Franken, Geschäftsführerin von Randstad, befürchtet, dass die Branche nicht mehr so erfolgreich arbeiten könne wie in den vergangenen Jahren, vor allem bei der Integration von Nicht- und Geringqualifizierten. Doch wie sollen Verleih- und Entleihbetriebe die Kosten auffangen?

Eine Idee wäre, den Einsatz von Leiharbeitern auf eine Dauer zu begrenzen, bei der keine Zuschläge anfallen, also sechs Wochen. Dagegen spricht, dass Unternehmen neue Leiharbeiter immer wieder einarbeiten müssen. Einem anderen Vorschlag zufolge lagern Unternehmen Bereiche aus, in denen viele Leiharbeiter beschäftigt sind. So könnten sie der Tarifbindung ein Schnippchen schlagen.

Tatsächlich steht vielen Kleinstverleihern, die im Preiswettbewerb nicht mithalten können, das Wasser bis zum Hals. Wie reagieren die Kunden darauf? Wer als Personaler von der Flexibilität der Zeitarbeit und ihren positiven Auswirkungen überzeugt sei, würde die Personaldienstleister nicht im Regen stehen lassen, heißt es aus HR-Kreisen. Man werde den Zeitarbeitsfirmen deshalb die durch Equal Pay verursachten Mehrkosten durch entsprechende Preismodelle vergüten.

Solange der gewerbliche Anteil in der Zeitarbeit, also Hilfstätigkeiten im produktionsnahen Umfeld, das Geschäftsmodell mit Abstand dominiert, entscheidet aber das Kostenargument über die Auftragsvergabe. Und hier sitzen Entleiher am längeren Hebel: Billig gewinnt. Leider drückt dieser Markt auch der gesamten Branche seinen Stempel auf.

Die Branche muss sich also neu aufstellen - und Aufklärungsarbeit leisten. Dafür plädiert Manpower-Managerin Calasan. "Die Fakten sprechen für die Zeitarbeit, aber kaum jemand kennt sie." Wie jedes andere Unternehmen nähmen Verleiher sämtliche Arbeitgeberpflichten wahr und böten Berufseinsteigern, Rückkehrern und Experten "spannende Einsätze und Entwicklungsperspektiven". Andere sprechen sich für die Ausweitung des Portfolios vom reinen Personalbeschaffer zum ganzheitlichen Personaldienstleister aus. Gelinge es der Branche, ihren Kunden zu ermöglichen, die Fixkosten zu senken, von HR geleistete Arbeit auf den Dienstleister zu übertragen und flexibel auf Fachkräfte zugreifen zu können, dann habe sie eine gute Zukunftsperspektive.

An Stärken mangelt es der Zeitarbeit gewiss nicht, etwa der Integration von Menschen in den Arbeitsmarkt. 60 Prozent ihrer Beschäftigten waren zuvor arbeitslos, eine sozialpolitische Funktion der Zeitarbeit, auf die viele Beobachter hinweisen. Auch ihre Rolle, vermehrt älteren Menschen noch eine berufliche Perspektive zu bieten, sollte nicht unerwähnt bleiben. Berufseinsteiger haben die Möglichkeit, sich über die Zeitarbeit zu orientieren, Frauen finden nach einer Pause den Wiedereinstieg in den Beruf mit Hilfe der Personaldienstleister.

Autot: Winfried Gertz, freier Journalist, München / Foto: © vege - Fotolia.com