Neues Ausbildungsmodell: Hauptschüler werden Servicehelfer


Zwei Drittel aller IHK-Berufe schließen Hauptschüler aus: Die Chancen für Absolventen dieser Schulform, sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren, waren bisher nur gering. Mit dem neu konzipierten Ausbildungsberuf „Servicehelfer“, initiiert durch die Robert Bosch Stiftung, eröffnen sich für Hauptschüler völlig neue berufliche Perspektiven, von denen auch die Arbeitgeber profitieren.

Die zweijährige Ausbildung zum Servicehelfer haben seit 2007 in Baden-Württemberg 83 Hauptschüler absolviert.Aktuell sind 39 junge Leute bei zehn Trägern in Ausbildung. Das neue Ausbildungsmodell soll in Baden-Württemberg noch bekannter und auch in anderen Bundesländern eingeführt werden, weil es Unternehmen hilft und Hauptschüler in den Arbeitsmarkt bringt.

„Mit dem Servicehelfer haben wir einen in Baden-Württemberg anerkannten Ausbildungsberuf konzipiert, der schulmüde Hauptschüler praxisorientiert direkt in den ersten Arbeitsmarkt führt“, sagt Dr. Almut Satrapa-Schill, die das Projekt als Bereichsleiterin der Robert Bosch Stiftung mit initiiert hat. Als Vorstandsvorsitzende des 2013 gegründeten Caro Ass e.V., der Assistenzberufe im Sozial- und Gesundheitswesen fördert, trägt sie das Berufsbild seither in die Breite.

Der Erfolg gibt ihr Recht: Landet bisher knapp die Hälfte aller Hauptschüler in Maßnahmen außerhalb des ersten Arbeitsmarktes, nicht zuletzt, weil zwei Drittel aller IHK-Berufe Hauptschüler ausschließen, erhalten 75 Prozent aller Servicehelfer am Ausbildungsende ein Stellenangebot. Denn die Arbeitgeber profitieren durch eine zielgenaue Ausbildung der jungen Menschen von dem Projekt. Ein Drittel der Teilnehmer schließt eine Ausbildung in der Pflege an oder geht in Gastronomie und Einzelhandel.


Volle Arbeitskraft statt Lückenfüller

Nach dem ersten Ausbildungsjahr, in dem sie den Arbeitgeber brutto 925 Euro im Monat kosten, sind sie etwa in der Pflege mit monatlich 990 Euro brutto nach Paragraph 87b als Betreuungsassistenten mit der Pflegekasse abrechenbar. Der Abschluss als Servicehelfer berechtigt zur dreijährigen Ausbildung zum Altenpfleger, die üblicherweise nur Realschülern offen steht. 
„Wir hatten die Servicehelfer-Azubis zunächst als Lückenfüller für die Zivis gedacht“, räumt Werner Feil ein. Der Leiter der Else-Heydlauf-Stiftung in Stuttgart bildet aktuell sieben Servicehelfer aus. Vorausgegangen war, Aufgaben neu zu strukturieren, um Pflegekräfte von hauswirtschaftlichen Arbeiten wie Betten machen, Essen servieren oder Spüldienst zu entlasten. Solche Aufgaben wurden im Sozialdienst mit eigener Führungsstruktur im Haus gebündelt. Dazu gehört, dass die Servicehelfer den Senioren vorlesen, mit ihnen Spazieren gehen oder beim Essen helfen.


35 Servicehelfer sparen ihrem Arbeitgeber 80.000 Euro

Den reduzierten schulischen Teil deckt das 1982 gegründete Bildungszentrum des Wohlfahrtswerks ab, zu dem die Else-Heydlauf-Stiftung wie 17 weitere Häuser im Südwesten gehören. Neben der Theorie über Grundlagen der Ernährung, Hygiene oder Warenlagerung stehen der Umgang mit geistigen Behinderungen oder wertschätzende Beziehungen im Lehrplan. „Breiten Raum nimmt die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute ein“, sagt Ausbildungsleiterin Melanie Haumann, selbst Sozialpädagogin.

Am Uni-Klinikum Tübingen deckt diesen Part Michael Egeler ab, ein gelernter Hotelfachmann. Seine 35 Servicehelfer haben ein gastronomisches Profil, das den Patienten in der Klinik wie einen Gast im Hotel betreut: Sie nehmen den Patienten auf, tragen sein Gepäck ins Zimmer und erklären den Tagesablauf. Allein auf drei Stationen, auf denen die Servicehelfer tagesgenau An- und Abreise erfassen, spart die Zentralküche seither 80.000 Euro im Jahr für Essen, die bislang ins Leere serviert worden waren.
Georgia Kirtzali, die in der Else-Heydtlauf-Stiftung Servicehelferin lernt, sieht man die Dankbarkeit an. Nach nicht beendeter Hauptschule hatte die mittlerweile 20-Jährige eine Hauswirtschaftslehre abgebrochen, um ihren Abschluss nachzuholen. An der Schule erfuhr sie von dieser Möglichkeit und bewarb sich. „Alles ist hier schön und alles mache ich gerne“, schwärmt die junge Frau, die nach ihrem Abschluss eine Ausbildung zur Kinderpflegerin machen will „oder ich bleibe hier.“
Die nächste Ausbildung zum Servicehelfer, für die noch Plätze frei sind, startet am 1. Oktober. Außerdem sucht das Wohlfahrtswerk weitere Pflegeheime, Kliniken und Behinderteneinrichtungen in der Region Stuttgart, Reutlingen-Tübingen und Pforzheim als Ausbildungspartner.: www.wohlfahrtswerk.de.

Autor: Jens Gieseler, freier Journalist, Foto:© drubig-photo - Fotolia.com

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