Recruiting im Mittelstand: Trügerische Zufriedenheit

Wie und mit welchem Erfolg rekrutieren mittelständische Betriebe ihre Mitarbeiter? Antworten dazu liefert eine Studie der "Personalwirtschaft". Demnach gibt es offensichtliche Engpässe, die meisten Unternehmen sind mit ihren Recruiting-Aktivitäten trotzdem zufrieden. Genau darin liegt ein Problem.

Fachkraftemangel steht auf einem Blatt Papier.Die Zeitschrift Personalwirtschaft hat mit Unterstützung der Recruiting-Dienstleister Mercuri Urval, Promerit, Stepstone und Westpress eine umfangreiche Online-Befragung durchgeführt. An der Studie "Recruiting in Deutschland 2013 - Erfolgsfaktoren und Strategien für die Zukunft des Mittelstandes" haben sich insgesamt 174 Unternehmen beteiligt.

Unbesetzte Stellen
Der Mittelstand sucht vor allem Hochschulabsolventen und technische Fachkräfte. Gleichzeitig sind die Kandidatengruppen "Management und Führungskräfte", "technische Fachkräfte/Facharbeiter" sowie "Hochschulabsolventen der MINT-Berufe" schwer zu rekrutieren. Die durchschnittliche Bewertung signalisiert allerdings noch keinen wirklichen Notstand: Auf der Skala von "1 = sehr schwer zu rekrutieren" bis "10 = sehr leicht zu rekrutieren" bewegen sich die Mittelwerte zwischen 4,1 (Management) und 4,8 (MINT-Kandidaten).

Die Probleme im Recruiting drücken sich aber vor allem in einer anderen Zahl aus: Mehr als sechs von zehn der befragten Unternehmen (62,3 Prozent) konnten im Jahr 2012 nicht alle ausgeschriebenen Stellen besetzen. Betrachtet man nur die Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern sind es sogar sieben von zehn Unternehmen (73,1 Prozent).

Warum Kandidaten absagen
Den Studienteilnehmern zufolge gibt es drei Hauptgründe, warum Stellenbesetzungen am Ende des Rekrutierungsprozesses doch nicht stattgefunden haben: Vor allem liegen Absagen darin begründet, dass es den Bewerbern an Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit fehlt (47 Prozent), sie zu hohe Gehaltsforderungen stellen (44,6 Prozent) oder dass sich insgesamt zu wenig geeignete Kandidaten beworben haben (43,5 Prozent). Offenbar sagen Kandidaten auch häufig von sich aus ab, da sie bessere Alternativen gefunden haben (31,5 Prozent).

Hier sollten die Unternehmen selbstkritisch fragen, ob die bisherigen Personalmarketing-Aktivitäten ausreichend (mehr und bessere Bewerber generieren), die Auswahlverfahren noch stimmig (nur die Hälfte der Befragten nutzt eignungsdiagnostische Instrumente) und die Gehaltsbandbreiten flexibel genug sind. Spätestens wenn Top-Kandidaten zur Konkurrenz gehen, sollten diese Punkte systematisch in den Blick genommen werden.

Die wichtigsten Rekrutierungswege
Die Online-Jobbörsen waren im vergangenen Jahr für sieben von zehn Kandidatengruppen der mit Abstand wichtigste Rekrutierungsweg. Lediglich bei den gewerblichen Auszubildenden, Managementpositionen und den "sonstigen" Kandidaten wurden andere Rekrutierungswege häufiger genannt.

So waren für 30,9 Prozent der befragten Unternehmen bei gewerblichen Auszubildenden die Jobcenter der Bundesagentur für Arbeit der wichtigste Rekrutierungskanal. Bei einem Drittel der Unternehmen (33,3 Prozent) und damit am häufigsten wurden Manager über Personalberater eingestellt. Print-Anzeigen spielen insgesamt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Die zukünftig wichtigsten Rekrutierungswege sind für Unternehmen allerdings andere: Den größten Bedeutungszuwachs weisen - wenn auch noch auf niedrigem Niveau - die Online-Netzwerke auf. Vor allem im Recruiting von Werkstudenten und Hochschulabsolventen spielen sie zukünftig eine größere Rolle.

Active Sourcing
Der Mittelstand wird sich im Recruiting zukünftig viel stärker auf eine aktive Suche nach Kandidaten ausrichten. So erhält das Thema "Active Sourcing" mit 75,6 Prozent die meisten Nennungen von allen genannten Themen. An zweiter Stelle folgt das Thema "Stellenanzeigen/Kandidatenansprache in sozialen Netzwerken", dem 67 Prozent der Befragten eine hohe Relevanz für den Rekrutierungsprozess in der Zukunft beimessen. Mit durchschnittlich 65,9 Prozent der Nennungen folgt das Thema "Talent Relationship Management".

Eine Sonderauswertung zeigt: Die größeren Mittelständler mit mehr als 3000 Beschäftigten werden zukünftig vor allem die Themen Pool-Management und Talent Relationship Management in den Blick nehmen (jeweils 87,5 Prozent).

Bewerbungsmappe im Kopf
Auf einer Skala von "1=stimme voll zu" bis "10=stimme gar nicht zu" machten die Unternehmen Angaben, wie eine Bewerbung auszusehen hat und was einem Kandidaten abverlangt werden darf.

So bewertet der Mittelstand die Aussage, "das Bewerbungsanschreiben ist für die Bewerberauswahl unverzichtbar", mit durchschnittlich 3,5. Gleichzeitig erhält die Aussage "Die Bereitstellung eines Links auf ein gepflegtes Netzwerkprofil (Xing, Linkedin o.ä.) ist für den ersten Auswahlschritt im Rekrutierungsprozess ausreichend" eine ablehnende Bewertung von 6,7. "Bewerber, die nicht bereit sind, eine Online-Bewerbung vollständig auszufüllen (Dauer circa 20-40 Minuten), haben kein wirkliches Interesse an dem Unternehmen" - auch hier zeigt der Mittelwert von 5,3 auf der Zustimmungsskala, dass die befragten mittelständischen Unternehmen weiterhin den Bewerber in der Bringschuld sehen.

Arbeitgebermarke stärken
Der Mittelstand hält das Thema der Arbeitgeberattraktivität für sehr wichtig. So liegt der Mittelwert bei der Frage nach der Wichtigkeit von Employer Branding auf einer Skala von "1 = sehr wichtig" bis "10 = unwichtig" durchschnittlich bei 2,6.

Angesichts dieser Tatsache, verwundert es ein wenig, dass lediglich die 17,5 Prozent der Studienteilnehmer bereits ein entsprechendes Konzept umgesetzt haben. Immerhin 23,4 Prozent der Unternehmen befinden sich in der Umsetzungsphase eines Employer Branding-Konzeptes. Die größeren Unternehmen der Studie sind hier bereits deutlich weiter.

Personalmarketing professionalisieren
Insgesamt erkennt der Mittelstand die aktuellen Trends im Recruiting und signalisiert in einigen Punkten ihrer Arbeit durchaus Selbstkritik. Doch ist der Handlungsdruck für Veränderungen in Anbetracht des drohenden Fachkräftemangels wirklich groß genug? Die Ergebnisse der Abschlussfrage lassen hier leider durchaus leise Zweifel aufkommen: "Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrem Rekrutierungsprozess?" Der Mittelwert von 4 und ein Median von 3 auf der Skala von "1 = sehr zufrieden" bis "10 = sehr unzufrieden" zeugt trotz allem von einer gewissen Zufriedenheit. Nur knapp 20 Prozent der Befragten sind mit dem Recruiting im Unternehmen unzufrieden (Bewertungen schlechter als 5).

Autor: Erwin Stickling, Chefredakteur Personalwirtschaft / Foto: Jeanette Dietl - Fotolia.com

Bookmark and Share