Trauer am Arbeitsplatz: Aus der Bahn geworfen

Wenn Mitarbeiter sterben oder Angehörige verlieren stellt das für Führungskräfte eine besondere Herausforderung dar. Ein angemessener Umgang mit Trauer kann Mitarbeiter während der Zeit des Abschiednehmens unterstützen und das Unternehmen nachhaltig stärken.

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Häufig herrschen in Unternehmen Sprachlosigkeit und Unsicherheit darüber, welche Unterstützung ein Mitarbeiter, der einen engen Angehörigen verloren hat, braucht.

Ebenfalls schwierig ist die Situation, wenn Kollegen aus den eigenen Reihen sterben. Denn nicht nur für Privatpersonen ist ein Todesfall ein einschneidendes Ereignis - auch Unternehmen mit ihren Führungskräften und Mitarbeitern sind von diesen Verlusten betroffen. Welche Auswirkungen unterdrückte Trauer am Arbeitsplatz haben kann, wissen die Beraterinnen von Charon. Daher richtet sich das Angebot der 1989 gegründeten Beratungsstelle in Trägerschaft der Hamburger Gesundheitshilfe gGmbH seit 2013 direkt an Unternehmen und Betriebe. Sie sollen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements und der Prävention dazu ermutigt werden, die Themen Sterben, Tod und Trauer offen anzusprechen, damit angemessen umzugehen und diesen Umgang als Teil der Unternehmenskultur zu etablieren. Charon-Beraterin und Sozialpädagogin Annika Schlichting und drei weitere Beraterinnen informieren über die Bedürfnisse von Trauernden und darüber, welche Möglichkeiten Vorgesetzte haben, um betroffene Mitarbeiter zu unterstützen. Sie zeigen auf, wie Führungskräfte die Balance zwischen persönlicher Fürsorge und aktuellen Arbeitsanforderungen halten und die Themen Sterben, Tod und Trauer in das betriebliche Gesundheitsmanagement integrieren können.

Patentrezepte gibt es nicht

In akuten Krisen bietet Charon kostenlose Unterstützung an. „Wir kooperieren mit den Kriseninterventionsteams des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), wenn sich ein Suizid oder ein Unfall in einem Unternehmen ereignet hat“, sagt Schlichting. Für Führungskräfte sei es wichtig, schnell auf das Geschehene zu reagieren. Nach einem Erstgespräch mit einer Führungskraft, die berichtet, was genau passiert ist, wird gemeinsam beraten, was den Mitarbeitern helfen könnte, das schockierende Ereignis zu verarbeiten. Dies kann der Austausch in der Gruppe sein, zu dem Kollegen eingeladen werden und welcher durch die Charon-Mitarbeiterin begleitet wird. „Ein fertiges Konzept gibt es für solche Fälle genauso wenig wie ein Patentrezept. In erster Linie geht es darum, wahrzunehmen, zuzuhören und aufzunehmen, was die Mitarbeiter bewegt“, sagt Schlichting, die ausgebildete Trauerbegleiterin ist. „Charon gibt dem Unfassbaren Raum und den Kollegen des Verstorbenen die Möglichkeit, ihren aktuellen Gefühlen, Gedanken und Fragen nachzugehen, über gemeinsame Erlebnisse zu sprechen und Berührungspunkte zu beschreiben. Manchmal helfen wir auch im Umgang mit Schuldgefühlen, die Mitarbeiter belasten, besonders, wenn es sich um einen Suizid handelt. Meine Aufgabe sehe ich zunächst in der Moderation des Gespräches. Was die Kollegen brauchen, entwickelt sich, ich gebe allenfalls Anregungen.“
Im Mittelpunkt steht oft das Bedürfnis nach einem geeigneten Trauer-Ritual. Das kann das Anzünden einer Kerze, das Auslegen eines Kondolenzbuches oder das Innehalten in einer Schweigeminute sein. Aber auch nach der Gesprächsrunde im Unternehmen haben Führungskräfte und Mitarbeiter die Möglichkeit, die Beratungsstelle aufzusuchen. „Nach ungefähr zwei Wochen fragen wir noch einmal nach, welcher zusätzliche Beratungsbedarf besteht. Denn nach dem ersten Schock können weitere Emotionen, Gedanken und Fragestellungen auftreten. Viele Führungskräfte wollen aber möglichst schnell in den Arbeitsalltag zurückkehren und verlieren die Trauerarbeit dann aus den Augen“, sagt Schlichting.

Abwehr als Reaktion hilft niemandem

Der Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz ist jedoch nicht nur das Gebot einer wertschätzenden Unternehmenskultur, sondern hat auch materielle Aspekte. Mitarbeiter, die sich mit ihrer Trauer nicht ernst genommen fühlen, können unkonzentriert sein, unter emotionalen Schwankungen leiden, häufiger krank oder gar depressiv werden. Das kann sich negativ auf Teams auswirken und birgt hohes Fehlerpotenzial. Ganz abgesehen von Kosten, die dem Unternehmen beispielsweise aufgrund von falscher Bedienung von Maschinen entstehen können.

Eine Kultur im Umgang mit Trauer zu entwickeln sei in vielerlei Hinsicht sinnvoll, lautet die Überzeugung von Antonia Anderland. Die Inhaberin von Anderland Consulting & Coaching in Allensbach hat sich auf Trauer und Verlust in Unternehmen spezialisiert und bietet dazu Coachings an. „Erfolgreiches Trauermanagement führt nach innen zu Mitarbeiterbindung und Motivation, zu Effizienzerhalt und Senkung des Krankenstandes. Nach außen zahlt es sich durch den Erhalt oder die Verbesserung des öffentlichen Images, eine gestärkte Kundenbeziehung, ein positives Employer Branding und Führungskontinuität in Krisenzeiten aus“, sagt Anderland, die beruflich vor allem im Bereich Konfliktmanagement tätig ist.

Sprachlosigkeit, Verdrängung oder Ignoranz hingegen führten langfristig zu einem Mitarbeiterbindungsverlust. Trotzdem gebe es immer noch viele Führungskräfte, die sich weniger um einen angemessenen Umgang mit Trauer Gedanken machten, als vielmehr um die Formulierungen auf der Kondolenzkarte. „Leider wird auf Trauer und Tod häufig mit Abwehr reagiert. Die Ursachen dafür sind Unwissen, Selbstschutz und Tabuisierung in der Gesellschaft“, sagt Anderland.

Dabei sei Trauer keineswegs ein Sonderfall. Jedes Jahr sterben in Deutschland durchschnittlich 850 000 Menschen, 140 000 von ihnen sind noch berufstätig. Laut aktueller Trauerforschung sind von einem Todesfall bis zu zehn Personen stark betroffen. Allen Beteiligten helfe Wissen über den nicht standardisierten Verlauf der Trauer, den Sonderstatus der Trauerzeit und die möglichen Auswirkungen auf das Organisationsumfeld.

Offener Umgang mit dem Tod: Beispiel Swisscom

Als beispielhaft für einen offensiven Umgang mit einem Todesfall nennt Anderland die Videobotschaft des Schweizer Telekommunikationsunternehmens Swisscom anlässlich des Suizids des Geschäftsführers Carsten Schloter. Der Verwaltungsratspräsident Loosli hatte in seinem Nachruf die Mitarbeiter mit ins Boot geholt. Er sprach von der „starken Führungscrew, die auch für euch da sein wird“ und gestand ihnen eine Trauerzeit zu, eine Zeit, „die wir uns auch geben wollen“. Weiterhin betonte er, wie sehr dem verstorbenen Geschäftsführer die Mitarbeiter am Herzen lagen. Auf der Internetseite des Unternehmens wurde zudem eine Traueranzeige für Carsten Schloter geschaltet und im Intranet richtete der Konzern ein Kondolenzbuch ein, in dem sich mehr als 1000 Würdigungen und Kommentare von Mitarbeitern ansammelten. Die Trauerfeier wurde im Intranet übertragen, da der Platz in der Kathedrale für die rund 20 000 Mitarbeiter nicht ausreichte. 

Doch auch hier endete die Fürsorgepflicht der Swisscom nicht. Im Folgenden sensibilisierte sie die Mitarbeiter für die wichtige Trennung von Arbeit und Freizeit und rief zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der ständigen Erreichbarkeit im mobilen Zeitalter auf. Nur so konnte die Konzernleitung womöglich verhindern, dass das Unternehmen durch den Freitod des beliebten Geschäftsführers in eine Schockstarre verfiel.

Autorin: Petra Schreiber, freie Journalistin, Hamburg/Foto: © Danilo Rizzuti - Fotolia.com

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