Wie Chefs ihre Mitarbeiter demotivieren

Es gerät leicht in Vergessenheit, wie viel finanzieller und organisatorischer Schaden durch demotivierte Mitarbeiter entstehen kann. Eine kritische Reflexion des eigenen Verhaltens als Vorgesetzter lohnt sich. Denn meist tragen sie eine Mitschuld an einer möglichen Unlust.

Hoher Schaden durch enttäuschte Mitarbeiter

Aufbauen, ermuntern, fördern, unterstützen – all das sind Qualitäten, die sich viele Mitarbeiter von ihren Chefs wünschen. Und sie sind laut Wörterbuch das genaue Gegenteil von "demotivieren". Führungskräfte sind zugegebenermaßen in keiner leichten Position: Sie stehen unter Druck, müssen ein Gespür für die Individuen in ihrem Team entwickeln und dieses, einem Dirigenten gleich, zum Gesamterfolg führen. Die wenigsten Vorgesetzten entmutigen absichtlich, autoritäre Führungsstile haben glücklicherweise schon lange ausgedient.

Trotzdem ist das Problem nicht aus der Welt. Im Gegenteil: wie der aktuelle Engagement Index von Gallup zeigt, haben in Deutschland mehr als fünf Millionen Arbeitnehmer bereits innerlich gekündigt, sie besitzen keinerlei Bindung zum Unternehmen mehr. "Schlechte Chefs kosten die deutsche Volkswirtschaft bis zu 103 Milliarden Euro", folgern die Marktforscher daraus. Da anzunehmen ist, dass frisch Eingestellte ihre neuen Aufgaben zunächst grundsätzlich motiviert und voller Tatendrang angehen, stellt sich die Frage, was mit diesen fünf Millionen Beschäftigten danach passiert ist. Es lohnt sich, die Gründe, die zu Demotivation führen, zu beleuchten und gegenzusteuern.

Fingerspitzengefühl gefragt

Aufgrund der charakterlichen Unterschiede in der Belegschaft ist es nicht immer einfach, konkreten Auslösern auf die Spur zu kommen. Es gibt jedoch einige, leider sogar zahlreiche, Kardinalfehler, die nahezu jedem Mitarbeiter die Lust auf Leistung nehmen können. Vergleichsweise bekannt, weil oftmals publiziert, ist in diesem Zusammenhang eine Studie des National Business Research Institute in Texas. Sie identifiziert zehn besonders große Motivationskiller, wie unter anderem Capital berichtet. Dazu zählen ein zynisches oder nörglerisches Verhalten und das Ausüben von (zu viel) Druck, der zu Unsicherheit sowie Stress beim Mitarbeiter führen kann. Darüber hinaus ist die Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Beschäftigter Gift für das gesamte Team. Zudem sollte der Vorgesetzte für Gespräche verfügbar sein und Entscheidungen transparent kommunizieren oder, noch besser, die Betroffenen zuvor hören.

Eine weitere Verhaltensweise, die zu Demotivation führt, ist Geringschätzung. Mittlerweile müsste sich herumgesprochen haben, wie einfach und wirkungsvoll ein lobendes Wort oder eine kleine Anerkennung für gute Arbeit sind. Das zeigt eine Vielzahl an weltweiten Studien, etwa eine Befragung von Beschäftigten in Indien: Wie die Economic Times berichtet, gaben 82 Prozent der 1.600 Teilnehmer an, dass sie bereit sind, mehr beziehungsweise härter zu arbeiten, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Chef sie wertschätzt. Zahlreiche Führungskräfte agieren aber immer noch problemzentriert und suchen das Gespräch lediglich, wenn etwas schiefgelaufen ist.

Führung ist Schlüsselfaktor

"Nichts demotiviert Mitarbeiter so sehr wie schlechte Führung", heißt es auch bei Impulse, das den selbstständigen Führungskräftetrainer Hartmut Laufer zum Thema zurate gezogen hat. Beschrieben wird unter anderem ein Teufelskreis, den viele in ihrem Unternehmen vielleicht auch schon einmal beobachtet haben: Talentierte Mitarbeiter werden unterfordert oder mit Routineaufgaben bedacht, was sich früher oder später auf ihr Arbeitsethos auswirkt. Dadurch wiederum geraten sie aus dem Blickfeld, wenn es um die Besetzung höherqualifizierter Jobs oder anspruchsvollerer Aufgaben geht.

Auch das Vorenthalten von Informationen gegenüber Mitarbeitern, insbesondere schlechten, sieht Laufer als einen Fehler an. Kommen sie über einen anderen Kanal ans Tageslicht, sei das Vertrauensverhältnis nachhaltig geschädigt. Als weitere Don’ts werden Misstrauen, falsche Versprechungen, eine unangemessen schlechte Bezahlung und Unberechenbarkeit genannt.

Auch das Arbeitsumfeld betrachten

Nicht immer wird Demotivation durch direktes Führungsverhalten verursacht. Die Entfremdung kann auch durch schlecht konzipierte Jobs entstehen. Darauf deutet zumindest eine Studie hin, über die Harvard Business Review berichtet. Bemerkenswert war, dass die teilnehmenden Manager, darunter auch aus HR-Abteilungen, bei Problemen selten auf die Idee kamen, das Arbeitsumfeld zu überdenken.

Eine "überraschend große" Zahl von ihnen versuchte im Testszenario vielmehr, den Mitarbeiter zu "optimieren". Dazu zählten Maßnahmen wie Trainings oder die Androhung von Gehaltskürzungen, wenn die Leistung weiterhin schlecht bleibt. Tatsächlich strengte sich dieser aber schon über die Maßen an – die Ziele waren unter den gegebenen Voraussetzungen jedoch nicht zu schaffen. Es ist leicht vorstellbar, wie kontraproduktiv weiterer Druck in einer solchen Situation wäre. Führungskräfte stehen vielmehr in der Verantwortung, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter gute Leistungen erbringen können. Das wiederum hebt die Motivation, anstatt sie bröckeln zu lassen.

Fazit: Das gemeinsame Ziel in den Mittelpunkt rücken

Grundsätzlich lassen sich viele Faktoren, die zu Demotivation führen, beheben, indem man das Gegenteil macht: Etwas mehr loben und etwas weniger kritisieren, etwas mehr statt zu wenig miteinander kommunizieren, etwas mehr Vertrauen statt Misstrauen walten lassen. Das hilft, löst das Problem allein aber nicht – ebenso wenig, wie den Chefs die alleinige Schuld zu geben, wenn Mitarbeiter demotiviert sind. Intensivere Führung mit echtem Interesse an Menschen, ihren Werten und Zielen ist der Erfolgsfaktor für motivierte und gesunde Mitarbeiter, schreibt der meinungsstarke Karriere- und Businesscoach Dr. Bernd Slaghuis. Das koste Zeit, sei aber eine Investition, die "mittelfristig nicht nur zu mehr Freiräumen in der Führungsrolle, sondern vor allem zu zufriedeneren und stärker motivierten Mitarbeitern führen wird".

Autorin: David Schahinian / Foto: © Antonioguillem - stock.adobe.com